Freitag – Pleite in Helsinki

Wir haben gut geschlafen in Tallinn. Wie immer sind wir früh wach, schmeißen uns ausnahmsweise in zivile Klamotten und genießen das ausgiebige Frühstück. Einzig eine Rentnergruppe, die anscheinend nie wieder in ihrem Leben etwas zu essen bekommt, stört die Ruhe am Morgen.

Wer übrigens mal mit einem von uns frühstücken möchte, hier die Anleitung des einstudierten Balletts:

Monika kümmert sich um Tee für sich und mich, meine Aufgabe ist der Orangensaft, ich kümmere mich dann um Besteck, während Monika den Obstsalat organisiert. Den Rest sucht jeder von uns indviduell, wobei ich glaube, nach der Woche könnten wir auch den Teller des jeweils anderen fast fehlerfrei bestücken.

Aber zurück nach Tallinn. Wir wollen die Zeit nutzen, bevor wir uns Richtung Fähre aufmachen, um der Stadt einmal bei Sonne auf den Zahn zu fühlen.

 

Eine der unzähligen Kirchen Tallinns, mitten im Konsulatsviertel

 

Hatten wir bis gestern Mittag noch Tartu ganz oben auf unserer Favoritenliste, ist zumindest bei mir Tallin auf Nummer 1 gerutscht! Was für einen tolle, gut erhaltene, lebendige und spannende Stadt!

 

Eine Kirche – was für ein Zufall!

 

Zwar schieben sich auch die Touristenmassen durch die Gassen und zwischen den auf dem Marktplatz aufgebauten Buden durch, aber bei dem Zauber dieser Stadt kann man das gut verstehen!

 

Echter Touri-Nepp mitten auf dem Marktplatz. Musste aber sein!

Den teuersten Kaffee unserer Reise gönnen wir uns dann allerdings auch – direkt auf dem Marktplatz – mit Blick auf wieder eine Kirche. Allerdings frage wie ich mich, was der Kaffee wohl warm gekostet hätte? 😉

Aber Estland ist von unseren bereisten Ländern bisher eh das teuerste. Wobei teuer abseits der großen Städte immer noch sehr relativ ist, aber der Unterscheid zu Lettland oder Litauen ist schon deutlich spürbar.
Nachdem ich mir auf einer Motorradreise einmal in Österreich ein Dirndl inklusive Schuhe gekauft habe, was ich mir beim Verlassen des Geschäftes leider dann doch per Post nach Hause schicken lassen musste, habe ich mir fest vorgenommen, so etwas auf Motorradreisen nie wieder zu tun. Und daran halte ich mich auch weiterhin strikt!

 

Mein neuer Hut – passend zur kleinen Schwarzen mit ihren roten Akzenten 😉

 

Gleich danach geht es zurück ins Hotel, wir werfen uns wieder in die Motorradklamotten und dann ist unser erstes Tagwerk mit der Route von nur wenigen Kilometer bis zum Hafen auch schon erledigt. Für uns beide ist Fähre fahren eine echte Premiere (also nicht handbetriebene an der Gauja oder kleinere nach Nida), daher wollen wir lieber etwas zu früh als zu spät dran sein. Bisschen Zeit brauchen wir ja auch noch zur Orientierung und so.

 

Auch wenn es anders aussieht, die beiden Moppeds hatte keinen Streit!

 

Am Hafen wollen wir als kleines Mittagessen noch etwas Brot, Wurst und Käse kaufen. Aber rund herum um den gesamten Hafen gibt es Alkohol, Alkohol und auch Alkohol – nur keine Grundnahrungsmittel. Also im Sinne von Essen, nicht Alkohol, was den Einkaufsmengen nach zu urteilen ganz Finnland als Grundnahrungsmittel bezeichnet. Wir hatten schon wieder verdrängt, dass die Finnen diese Fährroute zum Befüllen der Kofferräume und danach zum Eigen-Befüllen nutzen. Da wir aber die sogenannte Schnellfähre hatten, hielten sich die uns prognostizierten Saufgelage in  Grenzen.

 

Wir verzurren unsere treuen Begleiterinnen wie zwei alte Verzurr-Profis. Immer nur aus dem Augenwinkel das nachmachen, was alle anderen Biker machen. Wird schon passen! 😉

 

 

Wir sagen Tallinn wehmütig „good bye“!

An Board sortierten wir Reiseunterlagen, schrieben Berichte und fanden einfach keine Ruhe.

 

Streßige Momente an Deck…

 

.. so dass man nicht entspannen konnte.

 

Die Zeit verging wie im Schlaf – äh – Flug. Daher heißt es keine 2 Stunden später „welcome to Helsinki“!

 

 

Das Ausschiffen ging blitzschnell, so dass wir um halb vier schon finnischen Boden betreten konnten. Was nun mit dem angefangen Vormittag?!

Wir tun das, was wir am besten können – Motorradfahren. 30 Kilometer raus aus Helsinki, 70 Kilometer Finnland erkunden, 30 Kilometer zurück ins Hotel…. Klingt nach einem Plan.

Neues Land, neue Eindrücke. Seit Tartu vor zwei Tagen hat die Festplatte in meinem Kopf Speicherfehler, da es zu viele Eindrücke, Sprachen, Länder, Stadtdurchfarten und Erlebnisse waren. Dennoch fahre ich mit offenem Mund und feuchten Augen durch die Gegend und kann es – mal wieder – nicht fassen, dass alles erleben zu dürfen.

 

Wenn ich den See seh, brauch ich kein Meer mehr.

 

Zur Feier des Tages gönne ich uns noch mal in Summe mehr als 20 Kilometer unbefestigte Straßen – nicht am Stück – aber immerhin. Wir hätten wohl beide nicht gedacht, dies irgendwann nicht einmal mehr mit einem kurzen Zucken zu quittieren.

 

 

Immer wieder tauchen Seen auf, wirklich grasgrüne Wiesen und die Straßenränder sind mit Lilatönen in allen Schattierungen durch Unmengen von Lupinen geschmückt.

 

Finnland wie aus dem Bilderbuch …

 

.. wie aus dem Bilderbuch…

 

…wie aus dem Bilderbuch. Ich glaube, ich stottere schon!

 

Aber auch diese Momente enden irgendwann und wir nehmen die „51“ wieder zurück nach Helsinki. Zwar haben wir die Hoteladresse im Navi eingegeben, aber das Hotel liegt in der Fußgängerzone und wir haben nur die folgende Beschreibung:

P-Kluuvi parking garage is located next to hotel

Turn to Fabianinkatu from Pohjios-Esplanadi

Take the downward ramp from Kaisaniemenkatu next to the Kaisaniemi Park

Take exit next to Kluuvikatu

Alles klar?! Uns auch! 🙂

Ich befolge diese klare Anweisung und stehe tatsächlich im ersten Anlauf vor der Einfahrt zum Parkhaus. Wie ich das gemacht habe?! Keine Ahnung!

Die Abfahrt in die Tiefe ist spannend. Keine Ahnung, wie tief wir gefahren sind. In einer normalen Tiefgarage würde ich sagen, Ebene 5 oder 6 in der Erde, aber hier ist man wirklich durch Gewölbe immer tiefer gefahren.

 

Gespenstische Abfahrt

 

Abendessenspreise von 18 Euro für einen Burger und 8 Euro für ein Bier lassen uns im Foodbereich einer Mall das chinesische Buffet bei einem kostenlosen Kaltgetränk stürmen. Nicht lecker, aber macht satt.

Im Hotel angekommen macht sich Müdigkeit breit. Knapp 4000 Kilometer haben nun doch ihre Spuren hinterlassen.

 

Anmerkungen des Tages:

Anmerkung 1:

W. S. aus L. hat recht mit seinem Kommentar. Estnisch ist wirklich sehr einfach. Immerhin wäre der Name für das Schulfach oder die Gewürzkunde doch ein Vorschlag für die neue deutsche Rechtschreibung.

Physik

 

Gewürz-Lexikon

 

Anmerkung 2:

Zu den wunderschönen – vor Helsinki liegenden – kleinen Insel meint Monika ganz trocken: „Die Finnen haben alles, was größer als ein Möwenschiss ist, mal eben bebaut.“ Sie ist so romantisch!

 

Anmerkung 3:

Uns ist immer noch nicht ganz bewusst, WO wir eigentlich sind.

Da! Rechts oben beim blauen Punkt – da sind wir!

 

Anmerkung 4:

Wir stehen über Nacht, wie vom Hotel vorgeschlagen, in einem öffentlichen Parkhaus. Pro Motorrad überschlagen ca. 22 Euro Kosten. Nicht für die Woche – für eine Nacht! Pleite – Pleite und grummelig in Helsinki….

13 comments on “Freitag – Pleite in Helsinki

  1. Welche Actioncam hast Du im Einsatz? Ich bin von der Bildqualität bei Vollauflösung sehr angetan und überlege, ob eine DSLR überhaupt noch notwendig ist auf Reisen.

  2. Ich wusste doch, dass dir Tallinn gefallen würde. 🙂

    Auch heute wieder ein sehr schöner Bericht, ich habe immer das Gefühl, auf dem Sozius – ähm, nee, lieber im Beiwagen – zu sitzen und dabei zu sein! Ich wundere mich immer nur, dass nur zwei Gläser auf dem Tisch stehen. Tse.

  3. Weiterhin spannend zu lesen und ich habe direkt Lust ebenfalls nach Nordosten aufzubrechen.

    Zum Thema Verzurren: die anderen machen es ja nicht zwingend gut oder richtig.
    Über die Sitzbank würde ich grundsätzlich vermeiden, das ist nie richtig fest. Der Rahmen bietet ja in der Regel genug feste Punkte, die geeignet sind.

    1. Hallo Max… Sicher… Aber wenn man dir nur einen großen Gurt in die Hand drückt, der links und rechts am Boden zu verzurren ist…. Wir haben für den Rahmen extra Schlaufen für Gabel etc zum verlängern dabei, konnte hier aber nicht zum Einsatz kommen.. Mal sehen, wie es gleich auf dem weg nach Travemünde ist….

      1. War die Fähre ungeplant?
        Könnt ihr ja froh sein, dass es überhaupt Gurte gab.
        Wir haben bei geplanten Fährfahrten eigene Gurte dabei. Man weiß ja nie, was und ob man welche bekommt. Habe da schon viel oder nichts gesehen. 😉
        Nach Schweden gabs nur ranzige Seile. Nach Schottland viel zu wenig Gurte für alle usw.

        1. oh du machst mir ja Mut…“nach Schweden“ (Rostock-Trelleborg; Stena Line) steht mir die Woche noch bevor und zurück (Göteborg-Kiel) dann 2,5 Wochen später…und die Zeit bis zur Abfahrt ist eigentlich schon so verplant, dass da kein Platz für „Spanngurte kaufen“ ist.
          Alles was ich bis jetzt gelesen hatte war, dass das eigentlich immer ganz gut läuft und auch die Fähr-Mitarbeiter (Matrosen?) entsprechend auf Zack wären.
          Naja für den GAU (Größte anzunehmende Unfähigkeit [der Matrosen] hätte ich notfalls noch meine Mini-Spanngurte (Format Rollladen-Band) für die Gepäckrolle dabei…dann müsste aber das 5l-Bierfass für meinen Kumpel mit in den Passagierraum, oder ich bringe in Rostock noch etwas Zeit für großflächiges Umschlichten und Tetris (oder wäre das dann ehr Sokoban) auf

          1. Spanngurte hat man doch. 😉

            Die Fährenarbeiter helfen nicht beim Verzurren, sollen Sie auch nicht, da sie für Schäden nicht aufkommen. Sie zurren nur nach, wenn es bei der Überfahrt auf dem geschlossenen Deck nötig ist, das betrifft aber dann sämtliche Fahrzeuge, nicht nur Motorräder.

            Empfehle neben Gurten auch noch kleine Spanngummis, u.a. für den Handbremshebel. Gang einlegen und Handbremse ziehen hindert am Rollen.

          2. So gut wieder zu Hause angekommen. Spanngurte standen jeweils in ausreichender Anzahl zur Verfügung. Nur die Abspannpunkte (im Boden) waren etwas mau gesäht. Hinzu (Rostock -> Trelleborg, Nachtfähre „Mecklenburg-Vorpommern“ der Stena Line) standen die Moppets in so einer „Parkbucht“ da ging es relativ eng zu und es waren in nur in der Mitte in gewissen Abständen Ösen im Boden…also kein Abspannen über kreuz möglich sondern nur einmal quer über die Sitzbank musste reichen und zur Beruhigung der Nerven noch ein Unterlegkeil unters Hinterrad gerammt.
            Zurück (Göteborg -> Kiel mit der „Germanica“) standen alle Zweiräder direkt am Ende des Fahrdecks, wo es langsam schmaler wird. Dort gab es Ösen am „Bordstein“ (vorne) und ich (mit einem der letzten Motorräder, dass da noch hingepasst hat) hab mir dann noch zwei der kreuzförmigen Vertiefungen im Boden am Rande der „Hauptfahrstraße“ gekapert und den Gurt (diesmal mit Haken) so durch meine Kofferträger gefädelt, dass ich ein bisschen Kraft nach unten aufbringen konnte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.