Samstag / Sonntag – Mastbetrieb

Guten Morgen aus Helsinki! Ich habe es tatsächlich geschafft und bis weit nach 7 Uhr geschlafen! Das hatte ich bisher noch nicht in diesem Urlaub! Sollte tatsächlich etwas Anspannung von mir abgefallen sein?!

Ich fahre wirklich gerne vorne weg, suche die Routen und plane den Tag. Aber ich gebe auch zu, dass dies – gerade in fremden Ländern – doch auch ganz schön anstrengend ist. Kennt TomTom die Straßen wirklich, lauert eine Überraschung beim nächsten Abbiegevorgang und ist die geplante Ankunftszeit auch nur halbwegs realistisch?! Auch wenn wir nur zu zweit sind und ja nicht einer von uns „verantwortlich“ ist in dem Sinne, fühle ich mich aber dennoch immer ein bisschen verantwortlich – trotz allem! 🙂

Heute muss uns das Navi nur noch zum Hafen bringen, ganz entspannt – auf direktem Wege. Wir sollten so ab 13 Uhr zum Check-In bereit stehen, also können wir den Tag gemütlich starten.

Daher wird erst einmal ausgiebig gefrühstückt – es steht ja niemand mehr mit der Uhr hinter uns. Danach genehmigen wir uns als Touristen getarnt – den Reiseführer unter den Arm geklemmt – noch einen ausgiebigen Spaziergang durch das Zentrum von Helsinki.

Stolz wacht er über den Park, noch stolzer bewacht ihn jemand auf seinem Kopfe

 

Vorbei an dem Denkmal zu Ehren des Dichters der finnischen Nationalhymne flanieren wir durch den noch menschenleeren Park Esplanadi. Wo sind sie alle, die Finnen, die Touristen, die Händler und Künstler?! Sind wir tatsächlich soooo früh dran?

Auf dem Weg zum kleinen Hafen mitten am Marktplatz wirft sich uns das nächste Fotomotiv in den Weg – der Robbenbrunnen mit der über den Tieren thronenden Meerjungfrau. Wir sind nicht die einzigen, die hier ihre Handys zücken.

Die Meerjungfrau ist oben auf dem Brunnen, nicht davor! 😉

 

Am Hafen genießen wir die Stille, den Ausblick, lesen etwas im Reiseführer und können zum ersten Mal verstehen, was den Zauber dieser Stadt ausmacht.

Ruhige Momente am Wasser

 

Wir wollen weiter, um uns am Ende vom Hafen die russisch-orthodoxe Kirche (die größte Nordosteuropas) anzusehen. Auf dem Weg dorthin überqueren wir den Markt, mit seinen Fisch-Spezialitäten, Gemüse- und Kuchenständen, Souvenirs und anderen „original finnischen“ Produkten.

So schön bunt

 

Verkauf vom Wasser aus, das Geschäft brummt!

 

Die russisch-orthodoxe Kirche blickt stolz von ihrem Hügel aus über Helsinki. Samstagvormittag ist Gottesdienst-Zeit, also bleiben uns nur Fotos von außen und ein schneller Blick durch die geöffnete Seitentür. Selbst für uns Kulturbanausen wunderschön anzusehen.

 

„Wenn schon Kultur, denn schon Kultur!“ denken wir uns und gehen weiter Richtung Domberg. Der Name ist Programm, denn der schneeweiße Dom hat einen ähnlich guten Blick über „seine“ Stadt von seinem Berg aus.

 

Den Abschluss unseres Rundgangs endet wieder im Esplanadi-Park, wo wir uns in dem berühmten Café noch einmal niederlassen. Den Kaffee können wir noch bezahlen, aber das Stück Kuchen für 7,90 Euro gönnen wir dann doch lieber den möglicherweise später ankommenden Gästen.

Lauschiges Plätzchen

 

Wir hatten geschätzt, dass wir etwa eine Stunde brauchen, um im Hotel alles um zu packen, die Tankrucksäcke für die Fähre zu befüllen, uns in die Motorradsachen zu werfen, alles auf den Motorrädern zu verschnüren und dann pünktlich das Hotel um 12 Uhr zum latest check-out zu verlassen.

Als wir allerdings um kurz nach 11 Uhr immer noch Kaffee schlürfend mitten auf der Esplanadi sitzen, wird uns klar, dass dieser Zeitplan deutlich schrumpfen muss!

Zügigen Schrittes geht es also ab ins Hotel, einbeinig hüpfend ins Bad, auf dem anderen Bein hüpfend wieder raus, dabei in die Stiefel stolpern, und irgendwie finden auch irgendwelche Klamotten den Weg in irgendwelche unserer Taschen.. Wir werden überrascht sein, was wir auf der Fähre in unseren Tankrucksäcken finden werden! Vermutlich sechs Paar Socken aber keine Zahnbürste oder genau umgekehrt.

 

Mitten in der öffentlichen Tiefgarage (und der einzigen Parkmöglichkeit weit und breit) beladen wir unsere Begleiterinnen und traben frohen Mutes zum Parkautomaten. So langsam hatten wir uns mit den über 20 Euro Gebühren pro Motorrad abgefunden.

Also dort aber dann nach Eingabe des Parkscheins die Summe von 36 Euro aufblinkt, haut es uns doch noch mal ganz kurz aus den schon fest verschnürten Stiefeln. Schulterzuckend zücke ich die Kreditkarte – das tut nicht ganz so weh – im ersten Moment.

Als ich dann etwas später nachrechne, dass wir pro Motorrad 36 Euro, also zusammen 72 Euro, also in alter Währung über 140 DM (und an dieser Stelle darf man noch in DM rechnen!) für eine Nacht parken ausgegeben habe, möchte ich zurückfahren, und die nackte Bedienung, die oben-ohne-Autowäscherinnen und die Stände mit den Freigetränken suchen, denn anders sind diese Preise nicht zu erklären.

Als wir aber schon nach wenigen Kilometern die Stadt hinter uns lassen und auf die Autobahn Richtung Hafen abbiegen, beruhigt dies wieder mein Gemüt. Dieser Verkehr kann nur beruhigen, so entschleunigend fährt es sich hier. Viele Geschwindigkeitsbeschränkungen und Einwohner, die sich streng daran halten, machen das Fahren eher zu einem Gleiten als zu einem angestrengten Fahren an einem Samstagvormittag in der einzigen Großstadt weit und breit.

Von daher sind wir wieder tiefenentspannt, als wir am Hafen viele Kilometer vor Helsinki ankommen. TomTom lotst uns zuverlässig direkt bis vor den Check-In Schalter, vor dem wir direkt hinter einer finnischen BMW auf der Pole Position auf den Beginn des Check-Ins warten.

 

Der Fährhafen bietet seinen Kunden so einiges, z.B. ein Tor von vorne und wenig später eines von hinten. Wir haben sogar Toiletten gefunden!

Und der durchaus freundliche Automat ist auch weit und breit der Einzige, der bereit ist, uns gegen Münzgeld Getränke zu spendieren. Was für ein einladender Ort, hier möchte ich noch mal hin! Ein trostloses Highlight unserer Reise.

Da es aber angenehm warm, nicht zu heiß und sonnig ist, vertreiben wir uns die Zeit mit sehr netten Gesprächen mit anderen Bikern aus Deutschland und Finnland.

Selbst das Warten wird zum Genuss

 

Überpünktlich startet dann der Check-In, so dass wir zumindest schon mal sicher sein konnten, dass mit den Buchungen alles ordnungsgemäß funktioniert hat.

Irgendwie ist dann die Zeit bis zum eigentlich Verladen auch wie im Flug vergangen, was wir uns angesichts einer Wartezeit von über zwei Stunden nicht haben vorstellen können.

Für den Weg zur Fähre haben wir sogar ein eigenes „Follow-me“-Fahrzeug, welches nach den Fahrradfahrern dann die motorisierten Zweiradfahrer sicher bis auf das Deck bringt.

Follow me!

 

Auch auf diesem Weg bin ich die CBF, die mir seit Tagen folgt, nicht losgeworden. Allerdings wird nun sie ihrerseits verfolgt.

Ich werde sie einfach nicht los

 

Trocken konnte uns die Stahlrampe nicht schocken

 

Aber auch im Schiffsbauch selber… (Bauch? Wir stehen auf Ebene 9, ca. 8 Meter  über Wasser!)

Also noch mal: Aber auch im gefühlten Schiffsbauch haben wir einen strengen Platzanweiser, der den ein oder anderen auch noch mal 10 cm vor-, zurück oder seitwärts rangieren lässt.

 

ein Einweiser für genau den richtigen Parkplatz

 

Nachdem wir dann auch das Prinzip der finnischen Spanngurte verstanden hatten und unsere Motorräder sicher standen, konnten auch wir unser Nachtlager aufsuchen.

Sicher geparkt

 

Irgendwo dahinten in einem der Gänge links schlafen wir

 

Wir machen ein paar letzte Bilder beim Auslaufen von Helsinki und warten gespannt auf die 30 Stunden totaler Entschleunigung, die nun vor uns liegen.

unerträglicher Ausblick bei Abendessen

 

Die Nacht verläuft relativ ruhig. Es ist wirklich still in den Kabinen und auch die Ostsee ist uns gnädig und lässt uns wenig schwanken. Dennoch schlafen wir nicht so wirklich gut in unseren Kojen, wobei alles in allem Innenkabine und Bad viel komfortabler sind, als wir es erwartet hatten.

Wir sind aber dennoch froh, als wir um 9:30 Uhr endlich das Frühstücksbuffet stürmen dürfen und mit Tee und anderen Leckereien in den Tag starten können.

Ich schreibe danach Blog und ziehe mit meinem Laptop unter den vielen älteren Reisenden neugierige Blicke auf mich. Nicht nur mit ihnen, auch mit vielen anderen Gästen, egal ob zwei- oder vierrädrig unterwegs, kommen wir auf dem Schiff ins Gespräch. In radebrechendem Deutsch-Englisch-Finnisch erfahren wir von Reiseplänen nach „Nuremberg“ oder „Berechteresgarden“.

Die Sonne kommt wieder heraus und wir dösen noch ein paar windige, aber dennoch schöne Momente an Deck.

Entschleunigung extrem

 

Der Ausblick ist aber auch atemberaubend – meine erste längere Fährfahrt und dann bei so einem Wetter!

 

Irgendwie vergeht die Zeit doch recht schnell und nach einem wild umjubelten Formel 1 Sieg des Finnen Bottas ist es auch schon fast wieder Zeit für die nächste Mahlzeit! FINNLINES bietet zumindest auf diesem Schiff ein super Essen an und wir können heute Abend beim normalen Abendessen keinen Unterschied zum gestrigen „Superior-Dinner“ feststellen. Gut, Wein und Bier hätten wir heute bezahlen müssen. Da wir aber ja später noch aufs Motorrad müssen, kommt  dies eh für heute nicht in Frage.

Wir werfen einen letzten sehnsüchtigen Blick aus dem Fenster des Speisesaals in die untergehende Sonne, verabreden noch schnelle Werkzeug-Verleihaktionen mit dem deutsch-finnischen Pärchen und machen uns dann gaaaanz langsam auf den Weg in unsere Kabine.

Wir waren in Helsinki mit 30 Minuten Verspätung losgefahren und haben noch keine aktuelle Ankunftszeit genannt bekommen. Lieber mal wieder gut vorbereitet schon in Motorradkleidung das letzte Getränk an Bord genießen, als in die Hektik alles aufbrechenden Familien und Reisegruppen zu geraten.

Bei Ankunft in Travemünde müssen wir nur schnell die Tankrucksäcke anklipsen, Helm aufsetzen und können die halbe Stunde in unser Hotel in Lübeck düsen.

Ankunft in Travemünde

Eigentlich hatten wir die Variante „Übernachtung an Bord mit Ausschiffung Montag früh“ gewählt, aber diese Option wurde mittlerweile gestrichen, so dass wir leider statt in der Etagen-Koje in einer dunklen Kabine ohne Fenster nun zum gleichen Preis im Vier-Sterne-Hotel Vier Jahreszeiten in Lübeck übernachten müssen. Ein hartes Schicksal…

Wer möchte hier schon bleiben?!

Die Wettervorhersage für morgen ist angeblich nicht so prächtig. Wir schauen sie uns gar nicht mehr an. Denn wenn wir eines auf der Reise gelernt haben, dann, dass das Wetter morgens einfach da ist, egal, was die App vorher sagte.

Ob es nass wird oder nicht, sagt uns morgen früh das Licht!

Gute Nacht!

Anmerkungen des Tages:

Anmerkung 1:

Ich habe gestern Unterschlagung betrieben. Ich habe nämlich das Bild meines Reifens mit seinen Kampfspuren unterschlagen. Dies hole ich hiermit nach.

 

Anmerkung 2:

Wir haben das Mahlzeitenpaket vorab schon gebucht gehabt, es hätte aber „Fährgast-Mästung“ heißen müssen, denn ob wir jemals wieder in unsere Kombis passen werden, steht noch in den Sternen.

 

Anmerkung 3:

Wir hatten so viele, so tolle Gespräche! Auf der ganzen Tour! Wir wurden so freundlich in der jeweiligen Landessprache angesprochen und konnten nur mühselig irgendwas von uns geben, wenn unser Gegenüber kein Englisch verstand. Aber wie überall ging es auch mit Händen und Füßen. In jedem Land haben wir aber auch versucht, mit einem fröhlichen „Dobre“ den Polen zu begrüßen, mit „Aĉiū“ dem Litauer Danke sagen, mit „Atā“ den Letten zu verabschieden und mit „palun“ einen Dank in Estland erwidern. Das Strahlen in den Gesichtern war unsere Übungsreihen morgens zwischen Zähneputzen und Haare kämmen allemal wert!

8 comments on “Samstag / Sonntag – Mastbetrieb

  1. „In jedem Land haben wir aber auch versucht, mit einem fröhlichen „Dobre“ den Polen zu begrüßen, mit „Aĉiū“ dem Litauer Danke sagen, mit „Atā“ den Letten zu verabschieden und mit „palun“ einen Dank in Estland erwidern“
    … meine Lieblingspassage oder für mich eher die Erinnerung an:
    … mit Einheimischen auf Rhodos vor dem Fischgeschäft gegrilltes Flossentier verspeisen und sich ohne gemeinsame Sprachbasis bestens unterhalten.

  2. Ich hab jetzt tatsächlich von etwa 7:00 – 8:00 Uhr gebraucht für diesen Blog :-),
    ich wollte einfach nicht, dass das „The End“ zu schnell kommt 😉

    Gute Heimfahrt und merci für’s Mitnehmen und den schönen Zeitvertreib (rozrywka; poln.; leoorg 😉 )
    Mic

  3. Danke fürs mitnehmen.
    2014 waren wir zum Nordcap gefahren. Da wollten wir eigentlich auch über die Baltischen Saaten zurrück fahren. Aber nach über 2Wochen sind wir dann doch von Helsinki mit der Fähre heim.
    Jetzt haben wir gesehen, was es dort zu entdecken gibt! Danke nochmal!!!

  4. wow, sowas würde ich auch gerne mal machen. Ist wie Abenteuer erleben. Leider kann ich weder so viele Tages- Km sitzen, noch meine bessere Hälfte mit nehmen. So bleibt mir nur mit zu lesen und nur Tagesfahrten zu unternehmen. Spannend wars.

  5. Ihr habt doch mit beiden Krädern nur 1 Parkplatz belegt!!! Wieso zweimal zahlen??
    Wäre nebeneinander reinfahren, parken und rausfahren nicht möglich gewesen!?
    Ist ja echt viel Geld!!
    Ansonsten ein herrlicher Abschluss! Ich warte gespannt auf eure nächste Tour!
    Weiter so!

  6. Vielen Dank für diese Blog-Reihe. Sie hat mir die letzten Arbeitstage vor meinem eigenen Urlaub (Nach Mittelschweden, dort 2 Wochen gebuchten Urlaub [Paddeln, Wandern, Rad Fahren,…] und zurück) sehr verkürzt und meine Vorfreude ins Unermessliche gesteigert.

    Tack så mycket

    1. Vielen lieben Dank für das Lob. Ich freue mich jedesmal, wenn jemand gerne virtuell mit mir reist. Schön auch, dass du gesund und munter und voller toller Eindrücke wieder aus deinem Urlaub zurück gekommen bist….

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