Baltikum 2017 – ein Reise-Fazit

Die Reise ins Baltikum ist ja nun schon fast einen Monat her. Zeit für mich, mal ein persönliches Fazit zu dieser Reise zu ziehen!

 

Land und Leute:

Wir sind in allen vier Ländern (OK, mit Helsinki waren es fünf) super nett empfangen und aufgenommen worden. Gerade in Polen fand ich die Menschen besonders nett, auch wenn ich mich daran gewöhnen musste, in einem Land zu sein, wo ich bei einem Blick auf Straßenschilder oder Speisekarten nicht den leisesten Hauch einer Ahnung hatte, was dort stand.

Durch eine gesperrte Straße zu fahren und zu hoffen, dass da „wegen einer Ralley dürfen hier heute zwischen 16 und 18 Uhr keine Autos fahren“ steht. Die Alternative „zwischen 16 und 18 Uhr ist hier eine Treibjagd und die Bewohner dieser Gegend sind dafür bekannt, auf alles zu schießen, was sich schneller als eine Schnecke bewegt“ ist dagegen weniger beruhigend. Wenn einem dann auch noch an der eigentlichen Sperre zwei Polizisten strammen Schrittes entgegen kommen, um Dir dann bei einem Blick auf Deine Karte eine mögliche Ausweichstrecke empfehlen, ist ein emotionales Auf- und Ab vorprogrammiert.

 

Wie beruhigend…

 

Aber nicht nur in touristisch bekannten Gegenden sind wir herzlich empfangen worden. In jedem noch so kleinen Café war man bemüht, uns auf Englisch oder „händisch und füßisch“ (füßisch, nicht physisch) weiterzuhelfen. Man konnte aber auch regionale Unterschiede feststellen, wie der Rheinländer für seine Zurückhaltung und der Norddeutsche für sein überschäumendes Gemüt bekannt ist. So sind uns die auch wirklich freundlichen Litauer nach den extrem netten Polen doch schon fast etwas muffig vorgekommen, was sich dann über Lettland bis nach Estland hin wieder gegeben hat.

Ansonsten ist das Land relativ flach und wenig besiedelt. Wo eine Bushaltestelle ist, versteckt sich meistens auch irgendwo ein Haus zwischen den Bäumen. Aber es gibt definitiv viel Landschaft zu sehen!

 

viel, viel Landschaft

 

Cafés und Restaurants / Bars finden sich dagegen nicht so oft, es scheint diese Kaffee-Kultur so in der mir aus anderen Ländern bekannten Form (vielleicht auch aus wirtschaftlichen Gründen) so nicht zu geben. Cola und Kekse gehörten daher zu unserem Standard-Repertoire. Hilft Dir keiner, hilf DIr selbst! 😉

Sehenswürdigkeiten aus Reiseführern sind nicht immer unbedingt deutlich ausgeschildert. Hier sollte man sich entweder den regionalen Namen einprägen oder den Wegpunkt ganz konkret auf dem Navi bereits eingeben. Darauf zu hoffen, dass SO etwas Berühmtes doch sicherlich ausgeschildert ist, kann hin und wieder zu Enttäuschung führen. Wir hätten uns die ein oder andere Suche gespart, wenn wir gewußt hätten, dass hier manchmal auch nur ganz allgemein „Sehenswürdigkeit“ ausgeschildert ist.

Gerne würde ich auch etwas über die Bademöglichkeiten in den Ländern schreiben, aber da wir von oben bereits Unmengen an Wasser hatten, haben wir es uns angesicht der Temperaturen verkniffen, auch noch das bodennahe Wasser zu erkunden. Stöbert man aber durchs Internet, so gibt es traumhafte Strände in allen drei Ländern, so dass es sicherlich auch noch mal lohnt, diese ausführlich zu erkunden.

 

Die wilde Ostsee in Usedom

 

Sicherlich gibt es auch unglaublich viel Historisches zu sehen. Diese Länder haben während der Kriege viel erlebt und auch sonst eine Menge Wandel durchgemacht. Wer die Zeit und die Muße hat, wird hier Stunden und Tage in Museen und Gedenkstätten verbringen können. Auch die Hauptstädte der Länder sind eine eigene Reise wert, wenn man mehr als nur einen Eindruck bekommen möchte. Monika und ich ticken an der Stelle aber ganz und gar gleich – kann man angucken, wenn es einem quasi vor die Füße fällt und „mal eben“ erledigt ist – muss man aber nicht. Lange Marschwege, ganze Tagestrips oder langatmige Besichtigungen sind einfach nicht unser Ding. 😉

 

 

Straßen und Strecken:

Die von uns gefahrenen Etappen waren lang und anspruchsvoll, zumindest für den Ottonormal-Motorradfahrer. Auch wenn es mal 70 km geradeaus ging, sind die schlechten Straßenverhältnisse, die ungewohnten Verkehrregeln und die Konzentration auf die Beschilderung nicht zu unterschätzen. Gerade wenn das Wetter schlecht wird, werden die Pisten eventuell rutschig, zumindest kann man den Bodenbelag nicht mehr einschätzen.

Die von uns gefahrenen „Autobahnen“ würden bei uns größtenteils als größere Landstraßen durchgehen. Mächtige Bodenwellen, tiefe Schlaglöcher wechseln sich mit hervorragenden Abschnitten, Ampeln, Bahnübergängen und vierspurigen Passagen ab. In Estland haben wir die größte Dichte an asphaltierten „Nebenstraßen“ entdeckt. Ohne diese umfänglich abgefahren zu sein, ist unser Eindruck, dass man hier am abwechslungsreichsten auch abseits der „Autobahnen“ fahren kann. Unsere Versuche diesbezüglich in Litauen und Lettland endeten meistens an Wald- und Wiesenwegen, die man sicherlich auch mal fahren kann. Bei den Wetterverhältnissen auf unserer Reise waren uns diese Wege aber oftmals zu lehmig und mit zu wenig steinigem Untergrund, so dass wir es mit unserer reinem Straßenbereifung vorgezogen haben, die eher größeren Straßen zu nehmen.

 

Autobahn in Lettland, aber immerhin 4-spurig

 

Beim nächsten Besuch in diesen Ländern würde ich vermutlich einen straßenorientierten Enduroreifen nehmen, um dann doch bei einer Abkürzung, Baustelle oder anderm Grund auch mal beruhigter eine nicht befestigte Straße mitnehmen zu können.

 

durchaus gängige Straßenverhältnisse

 

Baustellen gibt es in den Ländern zuhauf. Man ist sichtlich bemüht, überall die Straßen zu erneuern bzw. zu asphaltieren. Dies kann dann auch mal direkt auf 15 km eine aufgerissene Straße bedeuten, die aber meistens recht gut zu befahren sind. (Ich gestehe allerdings, dass ich vielleicht zu Beginn der Reise bei so einer Baustelle schwitzend am anderen Ende angekommen wäre, nach genug Kilometern auf solchen Straßen mir aber 15 km unbefestigt nur noch ein müdes Lächeln entlocken konnte.)

Unsere Etappen waren recht lang gewählt, wollten wir doch in wenigen Tagen viel von den Ländern sehen. Die längsten drei Etappen waren rund 450 km lang, die kürzeste mit 266 Kilometern die Rundfahrt durch Masuren mit den vielen Straßensperrungen und unserem „Offroad-Extrem“. Dies bedeutete aber stets frühes Aufstehen, lange Etappen, nicht allzuviele Besichtigungsstopss und eher späte Ankünfte am Zielort. Hier empfehle ich daher ausreichende Fahrerfahrung, kürzere Etappen oder auch mal einen Pausentag einzulegen, damit die Kondition bis zum Ende reicht. Auch wenn es viele Kilometer geradeaus geht, so fordern einen auch hier die wechselnden Straßenverhältnisse oder wei bei uns, der ständige Regen.

 

Gesamtstrecke – die Fähre fehlt natürlich

 

Eine Unterlegplatte für den Seitenständer sollte entweder fest montiert oder zumindest im Tankrucksack sein, da gerade an beeindruckenden Ausblicken nicht immer unbedingt asphaltierte Parkplätze zur Verfügung stehen. Insgesamt müssen wir aber beide sagen, dass wir mit viel schlechteren Straßenverhältnissen gerechnet haben und man weiß Gott keine geländetaugliche Maschine für diese Länder benötigt. Eine V-Strom 650 und eine CBF 1000 waren durchaus geeignete Reisegefährten, hat man doch auch die Wahl der Strecken immer noch selber in der Hand.

 

Wichtiger Wegbegleiter!

 

Gemeinheiten und Gefahren:

Gab es „Gemeinheiten und Gefahren“? So richtig wissen wir es nicht, da wir es nicht haben drauf ankommen lassen.

Zu Beginn unserer Reise waren wir sicherlich übervorsichtig. Beim ersten MIttagsstopp in Polen haben wir vermutlich länger alles angekettet und verschlossen als wir danach zur eigentlichen Pause gesessen haben. 😉

Abends in Danzig standen wir dann sehr nah im Zentrum und gut gelegen an einer Schnellstraße. Da haben wir dann tatsächlich auch mal die dicke Panzerkette herausgeholt und ich gestehe bis heute, dass ich mich damit besser gefühlt habe. Aber das war es dann auch schon an größeren Sicherungsaktionen. Oftmals standen die Motorräder nachts vergittert (Gizycko), oder in einer Tiefgarage (Riga). An allen anderen Orten haben wir uns eigentlich recht sicher gefühlt, in den Hauptstädten oder größeren Städten immer etwas weniger gut als in den kleinen Örtchen und an kaum belebten Stränden.

 

Tartu: Gesichert mit dicker Kette

 

Aber mal ganz ehrlich?! Ist im Moment die Gefahr nicht größer, dass Dir das Motorrad in Monschau beim Eisessen, in der Schweiz auf einem Marktplatz oder bei einer fingierten Probefahrt geklaut wird? Da sind wir uns mittlerweile fast sicher.

Im Vorfeld wurden wir auch vor den ach-so-schlimmen Auto- und LKW-Fahrern im Baltikum gewarnt. Aber wo waren die bitteschön? Entweder man hat sie noch viel mehr vor uns gewarnt und sie haben bei zwei deutschen Frauen auf dem Motorrad in ihrer Gegend lieber den Bus genommen, oder aber es ist alles einfach nur ein hartnäckiges Gerücht.

 

Kreisverkehr in Cesis, zur Orientierung mit großen Pflanzen

Auf den normalen Straßen sind wir zu 95 % vorbei gelassen worden, man hat uns in Ruhe einscheren oder auch mal zu zweit abbiegen lassen. Selbst im dichtesten Berufsverkehr von Riga hat keiner gehupt, als ich nach einer fast kompletten Umrundung der Innenstadt und dem 8. Schild „Links abbiegen verboten“ dann doch einfach den Blinker gesetzt habe und mich mit Monika auf die Kreuzung gestellt habe. Ich bin selten so entspannt fremde Kreisverkehre gefahren, in denen die Anzeige des Navis nur bedingt mit den örtlichen Gegebenheiten übereinstimmte, keiner meiner gemerkten Städtenamen auch nur auf einem der Schilder zu entdecken war und man zur Orientierung statt Fahrbahnmarkierungen drei große Planztöpfe in die Mitte gestellt hat.

Ich geb zu, dass das obige Bild im verzweifelten Stehen gemacht wurde, da ich kurzzeitig tatsächlich nicht einmal mehr wusste, ob dieser Platz überhaupt zu befahren war. Das auf diesem Bild vorbeifahrende Auto hat mir zumindest diese Sorge genommen.

Auf den Überlandstraßen zeigten uns LKW-Fahrer stets an, ob wir gefahrlos überholen konnten oder aber für uns noch nicht erkennbarer Gegenverkehr drohte. Ich kann mich über die ganze Reise betrachtet nur an 2-5 Idioten erinnern, diese Quote habe ich sonntags in der Eifel schon vor 10 Uhr erreicht. 🙂

Aber auch bei der Suche der so hoch angepriesenen Sehenswürdigkeiten wurde uns immer geholfen, egal, welche Sprache wir sprachen oder eben nicht, irgendwie ging es dann doch immer!

 

Drei Frauen, zwei Finger, eine Karte, aber null Plan

 

Für mich habe ich aber gemerkt, dass ich „unter zwei Frauen“ mit mehr Obacht fahre als in einer größeren gemischten Gruppe mit Männern. Dies soll jetzt gar nicht über-ängstlich oder so klingen. Aber wenn wir z.B. eine Panne gehabt hätten und ein litauischer, stark behaarter, mit einem schmierigen Muskelshirt bekleideter LKW-Fahrer hätte das Angebot gemacht, eine von uns ein Stück mitzunehmen zur nächsten Werkstatt – ich schwöre euch, lieber hätte ich mit Wasser und Müsliriegel bis zum nächsten Morgen neben meinem Motorrad kauernd auf den ADAC gewartet, als dort einzusteigen.

Vielleicht bin ich auch einfach nicht genug abgebrüht, weltreiseerfahren oder naiv, aber ein bißchen Eigenschutz darf sein. Daher bereue ich es gar nicht, neben Powerbank fürs Motorrad auch ein Reifenpannenset und einen Kompressor dabei gehabt zu haben. Ein bißchen Selbsthilfe darf es dann schon sein! 🙂

 

Fix und Fazit:

Nach 3500 einmal quer durch Polen und das Baltikum zu behaupten, man hätte das Land gesehen, ist sicherlich vermessen. Einmal vom Hamburg runter bis zum Bodensee, ab nach Passau und wieder nach Kiel und dann behaupten, man würde Deutschland kennen, wäre ebenso vermessen. Aber für einen ersten Eindruck war diese Reise wundervoll. Wir haben so viele Eindrücke bekommen, dass meine eigene Speicherkarte im Kopf irgendwo in Estland eigentlich übergelaufen ist.  😉

Dennoch würde ich die Reise so auch immer wieder machen. Wir hatten definitiv keine anderen Erwartungen als „viel fahren“ und „ein bißchen sehen“. Aber genau deshalb hatten wir diese Reise ja auch so geplant und nicht anders. Unsere Entscheidung, die gesamte Strecke zu fahren und ganz am Ende gemütlich mit der Fähre fast bis nach Hause zu schaukeln, war für uns goldrichtig. Umgekehrt wäre uns die Fährfahrt unendlich lang und langweilig vorgekommen, in dieser Richtung brachte sie aber die dringend benötigte Erholung.

 

Defragmentierung der eigenen Speicherkarte!

In Summe kann ich jedes der Länder oder alle zusammen wirklich jedem nur empfehlen. Ich hoffe, dass ich zeitnah noch mal das Baltikum in Angriff nehmen kann, dann aber quasi genau die Gegenden unter die Räder nehmen kann, die auf dieser ersten Tour nicht auf der Strecke lagen. Wer mehr Zeit hat, sollte sie sich nehmen! Es gibt so viel zu entdecken und noch viel mehr, wenn man auch noch alle geschichtlichen Highlights abhaken möchte.

Ich bin mir ganz sicher – das war nicht meine letzte Reise in die baltischen Staaten und nach Polen!

Wer Routeninfos oder Details wissen möchte, ist herzlich eingeladen, mir zu schreiben! Die ganze Reise könnt ihr hier nachverfolgen..

 

 

10 comments on “Baltikum 2017 – ein Reise-Fazit

  1. Toller Bericht, hab Euch die ganze Zeit gespannt verfolgt.

    Wenn Dir Polen gut gefallen hat, meine Tourempfehlung:
    Fahr doch mal etwas südlicher:
    Richtung Dresden, dann über die tschechische Grenze, durchs Riesengebirge, Katowitz, Krakau.
    Genauso nette Leute und gutes Essen. Dabei noch Berge und ordentliche Straßen mit Kurven.
    LG
    Tom

  2. Obwohl wir mehr im Dreck waren, ist mein Fazit ähnlich. Wobei ich erst noch mal zum Balkan will. Da fehlen noch ein paar Länder und Montenegro hat mehr als einen Tag verdient.
    Ich würde dir auch eine Reise entlang des Riesengebirges empfehlen. Das war auf meiner Tatra Tour echt toll.

    1. Also Riesengebirge ist schon ein ganz heisser Bike-Tip. Aber Tschechien und Slowakai sind zum Biken supoptimal. Größtenteils gehen dort Ortschaften in Ortschaften über, alles ohne Flow. Besser die Ziele über Autobahn anfahren. Just my 2Cents. Ralf

  3. Hi Julia, schön, dass eure Reise so gut verlaufen ist. Wie du es beschreibst, ist auch meine Art, am liebsten Urlaub zu machen. Ich bin gerade in Tschechien unterwegs und da erkenne ich doch einiges wieder! Gerade heute bin ich auf eine Straße geraten, die ich gezielt nie mit meiner Straßenbereifung angefahren wäre. Aber umdrehen ist Keine Option, also Augen zu (nicht wörtlich nehmen) und durch.
    Hoffentlich sind nächste Woche in der Eifel die Idioten nicht auf der Straße 🙂

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