Pyrenäen – Sonntag – 11.9.2016

Selfie-Automat

 

Wir haben uns entschieden – es geht auf direktem Weg nach Hause. Das bedeutet aber auch für Roadine und mich, schon heute morgen Abschied nehmen zu müssen. Altenstadt und Krefeld liegen einfach zu weit auseinander, um da bei der Variante „viel Autobahn“ einen gemeinsamen Nenner zu finden.

Diese Aussicht und die auf 700 km Autobahn und Bundesstraßen macht das Aufstehen heute echt schwer. Aber nützt ja nichts, jeder Urlaub ist mal vorbei.

Der gestrige Abend war noch sehr nett. Es wurden Anekdoten ausgetauscht und geklönt. Dabei wurden die Pässe von Mal zu Mal höher, die Temperaturen von Geschichte zu Geschichte heißer und die eigene Strecke die schönste, schnellste, aber auch schwierigste.

Habt ihr ein Glück, hier ohne Übertreibungen die einzig ungeschminkte Wahrheit gelesen zu haben. 😉

Roadine und ich tanzen ein letztes Mal unsere ganz persönliches Zimmer-Balett, um zeit – und raumoptimiert maximal effektiv in den Tag zu starten. Es bedarf keiner Absprachen mehr, wer wann mit seiner Zahnbürste auf dem Bett sitzt, damit der andere kurz ins Bad kann oder wer einen tanzenden Schritt nach links macht, damit die andere in einer eleganten Rechtsdrehung vorbei kommt. Ich werde es vermissen….

Das Frühstück ist entsprechend hektischer als sonst. Während die Einen kommen, frühstücken Andere. Es wird geherzt, gedrückt, verabschiedet und allerlei Blödsinn mit auf den Weg gegeben. Alle versuchen, ihre Wehmut in blöde Sprüche zu verpacken.

 

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Aber dann ist es wirklich soweit – Abschied. Während Roadine nach rechts Richtung Bourg-en-Bresse abbiegt, steuere ich die Autoroute du Soleil Richtung Norden an. Die Kleine und ich sind also wieder alleine auf weiter Flur in einem noch schlafenden Frankreich.

Schnell das Mautticket gezogen, die Scheibe hochgezogen und in gemütlicher Fahrt in den stressfreien französischen Verkehr auf der Autobahn eingereiht.

Von rechts wärmt mich die Sonne, die versucht, die Nebel aus den Wiesen und Wäldern zu vertreiben. Ich fahre am einer Firma namens „Heiz-o-mat“, die auch dem Firmenlogo nach etwas für Kamine produziert. Mal ehrlich, welcher Franzose soll denn bei „äsomah“ eine Ahnung bekommen, worum es da geht. Aber mir soll es egal sein, nicht meine Firma, nicht mein Produkt.

Nach 50 km die erste letzte Pause. Ich verdränge immer wieder, wie langweilig das Fahren so ist. Ich schreibe meiner Mutter, ob sie mir kurz vor Zuhause noch für eine kleine Rast Asyl gewährt. Sonntag – halb neun und nach 25 Sekunden noch keine Antwort. Na, so ein Lotterleben hätte ich auch gerne – um die Zeit noch nicht mit Handy in der Hand am Frühstückstisch.

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Weiter geht es, um nach nur 30 km wieder anzuhalten. Bei 16 Grad ist es auf der Autobahn doch etwas frisch und ich möchte meine Jacke drunter ziehen… Ja-ha! Die mit dem Chokotoff..

Nach einer Woche ohne meine gelbe Rolle auf der Sitzbank hat mein Bein irgendwie den richtigen Schwung vergessen und ich hüpfe einbeinig vor meinem Motorrad, um mich aus dem Schultergurt zu befreien und mir einen Rest Würde zurück zu geben.

Gestanden!

Unter Applaus bekomme ich von den wenigen frühstückenden Franzosen eine 5,8 für die technische Ausführung, während mir ein behaarter und augenscheinlich nicht frisch geduschter rumänischer LKW – Fahrer eine glatte 6,0 für die künstlerische Darbietung gibt.

Ich beschließe, besser weiterzufahren….

So langsam habe ich mich wieder an das Fahren auf der Autobahn mit seinem ganz eigenen Charme gewöhnt . Ich genieße die langen Blicke ich die Landschaft, zähle dabei die Heißluftballons, die ein französischer Impressionist extra für mich an den hellblauen Himmel gemalt hat und schaue einem Paraglider bei seinem gemütlichen Landeanflug auf einer nahegelegenen Wiese zu.

Versprühen die linker Hand liegenden Weinberge der Bourgogne noch das französische Flair, können die unmittelbar an der Autobahn aufgereihten Produktionsstätten der Wein- und Crémanthersteller da nicht mehr mithalten. Praktisch, aber nicht schön!

Nach knapp einem Drittel der Strecke lege ich berechnend einen frühen Tankstopp ein.

Mit der halbwegs genau abgeschätzten Menge Benzin sollte ich es bis nach Luxemburg schaffen, wo ich dann bis unter die Oberkante volltanke. Gleiches gilt für meinen für den Moment gestillten Kaffeedurst. Also das Erreichen von Luxemburg, nicht das anschließende Volltanken.

Noch den letzten Bissen Schokocroissant kauend setze ich mir wieder den Helm auf und hoffe dabei, dass die nächsten 250 km ähnlich schnell vergehen …

Ich stelle den Tempomaten fix wieder auf die hier zulässigen 110 km/h und lasse es einfach laufen und träume so vor mich hin.

(Tempomat)
(Tempomat)

Aber zu früh gefreut! Die nächste Etappe zieht sich etwas, so wie auch etwas ab 12 Uhr an meinen Augenlidern zieht.

Aber das Problem löst sich bei Toul fast von selbst. Immer interessiert an französischen Traditionen und moderner Technik teste ich auf der Autobahn einen dieser modernen Selfie – Automaten. Leider habe ich die Preisliste des Fotografen nicht erkannt, so dass ich nun doch hoffe, dass sie es mir nicht zustellen werden. Aber zumindest bin ich wieder wach! Ich bin ein Idiot!

Kurz hinter Ettelbrück trinke ich noch schnell einen Kaffee und bestelle bei meiner Mutter ein Stück Obstkuchen.

Läuft! 🙂

An der letzten Tankstelle in Luxemburg tanke ich noch einmal voll. 19 Liter gehen rein – ich bin stolz, wie gut ich das in Frankreich abgeschätzt habe.

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Über Belgien geht es weiter bis nach Aachen, wo ich bei meiner Mutter einkehre. Nach nun etwas mehr als 650 Kilometer, Kaffee und Kuchen auf Mamas Couch fragt man sich kurz, warum man jemals ausgezogen ist. 😉

Aber um fünf raffe ich mich dann doch auf und starte für die letzten 100 km durch. Da ich die Strecke wie im Schlaf kenne, fährt hier wohl der Autopilot. Ich kann mich zumindest an nichts mehr erinnern.

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Nach knapp 800 km heute und in Summe 4150 km bin ich wieder Zuhause. Frisch und munter packe ich eben die Sachen aus, putze die Koffer, stelle alles ordentlich weg und freue mich auf die vielen Dinge, die wir heute noch erledigen können.

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Anmerkungen des Tages:

Anmerkung 1:

Ich vermisse Frankreich! Bis auf wenige Ausnahmen machen die Franzosen gerne den Zweiradfahrern Platz. Aber so weichgekochte Pampelmusen-Köpfe, wie diese Möchtegern – Kriegsführer mit ihren Autos auf deutschen Autobahnen habe ich echt nicht vermisst. Ich wünsche euch die Pest an den Hals.

Anmerkung 2:

Wer Fotos von meinen Pausen möchte, dem empfehle ich den Reiseführer „Autobahn -Raststätten und Parkplätze in Frankreich“. Von romantischen Orten mit beschissenen Stehtoiletten (im wahrsten Sinne des Wortes) bis hin zu All-inclusive-Raststätten mit süßen Leckereien mit derart farbenfrohen Überzügen, die sich nur durch atomaren Restmüll französischer Atomkraftwerke erklären lässt. Von daher habe ich mir eine eigene Fotodokumentation erspart.

Anmerkung 3:

Wie bekommt man geschätzt 434 Insekten-Leichen von der Scheibe?

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Anmerkung 4:

Das vorletzte Foto ist von meinem Mann gemacht worden. Ich glaube , er ist ein Verräter.

Anmerkung 5:

Der dann wirklich letzte Eintrag folgt morgen .

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