Sardinien – Tag 3 – Von West nach Süd

Sonnenaufgang ohne Foto

Guten Morgen aus dem Küstenstädtchen Bosa. Für mich war es eine unruhige Nacht. Statt zu schlafen, habe ich lieber Gedanken gewälzt. Einmal von links nach rechts – und wenn ich fertig war, dann wieder von rechts nach links!

Daher startet der Tag mit kleinen, verquollenen Augen, aber nicht minder gut gelaunt! Da wir ganz im Westen der Insel sind, gibt es kein beeindruckendes Bild vom Sonnenaufgang. Leider aber auch nicht einmal von der Morgendämmerung, da sich zwischen diese und unseren Hotelbalkon ein hässlicher Supermarkt gestellt hat.

Wir stärken uns mit dem recht einfach gehaltenen Frühstück, aber der Orangensaft ist sehr lecker! Um 8:45 Uhr verlassen wir Bosa und machen uns auf den Weg Richtung Süden. Über die Berge von Bosa hängen Wolken, schaffen es aber nicht, bis zu uns und dem Strand vorzudringen.

 

Wolken am Horizont
Wolken am Horizont

 

Ein letzter Blick aufs Meer, ein letztes Foto vom Wasser, und wir schwingen uns die Hänge entlang der Küste hinauf. In Cuglieri geht es dann nach rechts Richtung Oristano. In S. Caterina nutzen wir die Chance, mal eben die Hände ins Meer zu halten und dem kleinen Stadtstrand einen Besuch abzustatten.

 

Stadtstrand in S. Caterina
Stadtstrand in S. Caterina

 

Die kurvenreichen Strecken haben wir schnell hinter uns gelassen, jetzt geht es auf weiten Strecken sehr gerade und immer wieder mit Berufsverkehr.

 

See vor Oristano
See vor Oristano

 

Unfreiwilliger Stopp

In Torre Grande (etwas westlich von Oristano) besuchen wir als eines der berühmtesten touristischen Highlights die Suzuki Werkstatt. Ein Chef, der nur italienisch spricht, ein Mechaniker mit leidlich wenig Englisch, aber dennoch habe ich das Gefühl, dass wir uns ganz gut verstanden haben. Zumindest haben sie immer dort geschraubt, wo ich es auch wollte.

 

V-Strom in der Werkstatt
V-Strom in der Werkstatt

 

Wir verlieren fast eine Stunde Zeit und damit auch unsere Hoffnung, heute auch mal eine Stunde die Füße ins Meer zu halten. Am Stagno di S. Giusta liegt ein wahrlich nicht schönes Industriegebiet, aber die sich die Beine in den Bauch stehenden wilden Flamingos sind den Umweg allemal wert.

 

Nicht zu erkennen - aber da stehen Flamingos
Nicht zu erkennen – aber da stehen Flamingos

 

Wir biegen nach rechts Richtung Aarorea ab und schlagen uns durch die schnurgeraden Straßen bis nach Marceddi. (Achtung: Maedchenmotorrad-Pedia: Diese Gebiete waren malariaverseucht und wurden in den 30-er Jahren trocken gelegt. 🙂  Ende der Schulstunde! )

Ein weißes Schild mit rotem Rand deutet uns an, dass wir hier nur lang dürfen, wenn wir den uns überholenden Italienern dicht an der Stoßstange kleben. Das machen wir dann auch so und und ersparen uns den großen Umweg über Terralba.

 

Traverse bei Marceddi
Traverse bei Marceddi

 

Sp4 – Kurven ohne Ende

Wie so oft auf Sardinien beginnen unmittelbar nach langweiligen Geraden wilde und enge Kurven mit herrlichen Ausblicken auf das Meer und auf die kargen Hügel. Steht auf dem Navi, dass man nach 14 km rechts abbiegen soll, bedeutet dies noch lange nicht, dass dort auch ein Ort ist. Nein, an der Stelle beginnen 22 weitere fantastische Kilometer, auf denen sich Kurve an Kurve reiht. Der Asphalt ist eigentlich gar nicht so schlecht und sehr griffig, allerdings hat diese Strecke so viele Bodenwellen, dass wir am Ende der Sp4 mit geschmeidiger Hüfte und durchgeschüttelter Wirbelsäule einen Kaffeestopp suchen.

 

Kreuz und quer durchs Hinterland
Kreuz und quer durchs Hinterland

 

Wie aus dem Nichts taucht nach den unendlichen Kilometern durch die Einöde Arbus vor uns auf. Ein wirklich großer Ort, gute Infrastruktur und mit echten Schildern in das Stadtzentrum!

Kaffee, Cola, und 2 Panini sind unser Mittagessen, welches wir in einer typischen italienischen Bar an einer Straßenkreuzung genießen.

 

Pause in Arbus
Pause in Arbus

 

Madonna in Arbus
Madonna in Arbus

Gemütlich? Keine Chance!

Das warme Panini im Bauch macht uns müde, so richtig müde! Wir haben keine echte Motivation, uns wieder in unsere Kombi zu werfen und weiter zu fahren. Aber es nützt ja nichts! Vielleicht gibt es doch noch irgendwo ein Stückchen Strand oder einen schattigen Platz unter Bäumen, wo man für 5 Minuten die Augen zumachen kann.

Wir lassen es also auf der SS126 etwas langsamer angehen, um es bei der Müdigkeit nicht zu übertreiben! So bleibt wenigstens Zeit, den Geckos zu zuschauen, wie sie vor uns von der warmen Straße flüchten.

Doch schnell fordern die Kurven wieder unsere ganze Aufmerksamkeit. Haben wir bei der Baltikums Tour die Reifen eher eckig gefahren, hätten wir hier das Restprofil links und rechts gut weiterverwenden können. Der Mittelsteg wird so gut wie nicht benötigt, da die Italiener vergessen haben, auch mal ein gerades Stück Straße zu bauen.

 

Versehentlich doch mal ein Stück geradeaus
Versehentlich doch mal ein Stück geradeaus

 

Wir biegen Richtung Buggerru ab, um ein Stück der Küstenstraße zu folgen. In Portixeddu zögern wir ganz kurz, ob nicht doch noch Zeit für den Sprung ins kühle Nass bleibt. Es sieht einfach zu verlockend aus.

 

Strand in Portixeddu
Strand in Portixeddu

 

Und das ist auch in Portixeddu
Und das ist auch in Portixeddu

 

Fehlplanung

Aber die Vernunft siegt und wir fahren weiter nach Süden.  Mist! In der ganzen Aufregung mit der Suzuki Werkstatt am Morgen haben wir das Wichtigste vergessen: Das Tanken vor 12 Uhr. Prompt stehen wir in Buggerru vor einer Tankstelle, die in genau 90 Minuten erst wieder öffnet. Wir beratschlagen kurz, entscheiden uns aber umzudrehen und den Umweg über Fluminimaggiore zu nehmen.

 

San Nicolo
San Nicolo

 

Burggerru
Burggerru

 

Dort (also in Fluminimaggiore) finden wir auch tatsächlich eine Automatentankstelle, so dass wir etwas beruhigter weiterfahren können. Auf der Karte gibt es einen Abzweig in S. Angelo wieder auf die Küstenstraße. Den wollen wir nehmen! Dort angekommen stehen wir vor einem Schotterweg, der sich laut Karte ca. 12 km durch die Berge schraubt. Sagen wir mal so, wir haben den Abzweig links liegen gelassen. 😉

Also weiter auf der SS126, was aber definitiv keine langweilige Umfahrung ist. Obwohl wir fahren und fahren, kommen wir rein nach der Karte kaum vom Fleck, so dicht und eng zieht sich die Straße durch Richtung Iglesias. Über die Umfahrung umgehen wir den Stadtverkehr und kommen direkt auf die Verbindungsstraße nach Carbonia.

Einen kleinen Umweg nehmen wir noch in Kauf, damit Monika am Meer in Fontanamare die Füße ins Wasser stecken kann! Aber nicht nur sie sondern auch jede Menge Kitesurfer genießen hier den starken Wind und tollen Wellengang!

 

Fontanamare
Fontanamare

 

Fontanamare
Fontanamare

Es geht auch weniger schön

In der Hoffnung, noch mal etwas Küste zu sehen biegen wir hinter Gonnesa Richtung Portoscuso ab. Steht der Ort eigentlich in irgendeinem Reiseführer?

 

Industrie vor Portoscuoso
Industrie vor Portoscuoso

 

Ich habe bei der Anfahrt Richtung Küste Erinnerungen an industrielle Geisterstädt aus Sience-Fiction-Filmen und werde darüber zum Dichter :

Wenn du dir denkst,

hässlicher geht’s nicht mehr,

Dann bieg links ab,

Da geht noch mehr!

Weiterfahren?! Nun ja, muss ja. Aber keine Sekunde länger wollen wir hier bleiben und löschn daher zwei Wegpunkte und steuern zurück Richtung SS195 nach Giba. Hinter Sant Anna Arressi sind es nur noch ein paar Kilometer, bis es wieder rechts auf die Küstenstraße abzweigt.

 

Der Südzipfel der Reise

Die SP71 übertrifft aus meiner Sicht alles bisher Gesehene. Haben wir sonst tagsüber eine ganz passable Kurvenlinie, können wir hier gar nicht mehr rund fahren. Ein Ausblick ist schöner als der nächste, und während man noch auf das Meer starrt, verschwindet die Straße für einen überraschend nach links oder rechts um die nächste Ecke. Das hier eh auf 50 km/h beschränkt ist, gönnen wir uns aber das Trödeln und das genießen die gigantischen Ausblicke.

 

Ausblick auf der SP71
Ausblick auf der SP71

 

Noch mehr Ausblick auf der SP71
Noch mehr Ausblick auf der SP71

 

Immer noch auf der SP71
Immer noch auf der SP71

 

Den Abstecher zum Capo Spartivento lassen wir dann doch aus! Wir haben eine andere Vision! Daher ist “sa Perde Longa” unbeabsichtig nun der südlichste Punkt unserer Reise geworden.

Aber zurück zur Vision: Kaum sind wir in Pula angekommen, stürmen wir mit Gepäck ins Zimmer, machen auf dem Absatz kehrt und fahren noch mal am den Strand Nora in Pula.

 

Schwimmvergnügen in Pula
Schwimmvergnügen in Pula

 

Ein paar Schwimmzüge später ist das Glück perfekt! In der Abendsonne lassen wir uns trocknen und gönnen uns zum perfekten Abschluss ein Abendessen am Meer…

 

Ausblick beim Abendessen
Ausblick beim Abendessen

 

Scheiße, ist das schön!

 

Anmerkung des Tages

Anmerkung 1:

Wir haben gestern Abend auf den letzten Kilometern an der Westküste entlang ganz schön oft in die untergehende Sonne schauen müssen. Monika meint, es sei Herbst, da hängt die Sonne halt schief. Ich glaube, darüber muss ich noch ein bisschen nachdenken. Oder könnte sie einer von euch wieder gerade hängen ?!

Anmerkung 2:

Ich habe das Federbein etwas höher gestellt, wegen des vielen Gepäcks. Zum Fahren ist es angenehmer, aber jetzt ist der Erdboden oft zu weit weg. Ich glaube, da muss ich noch einen Mittelweg finden.

Anmerkung 3:

Es gibt genau zwei Sorten von italienischen Autofahrern. Die einen schieben dich mit ihrer Stoßstange die Straßen entlang, weil du ihnen trotz Übertreten der Geschwindigkeitsbeschränkung noch zu langsam bist. Die anderen tukkern in ihrem 40 Jahre alten Fiat Panda so gemütlich durch die Lande, dass die garantiert in den nächsten zwei Jahren nichts mehr aus der Ruhe bringen wird!

Anmerkung 4:

Am Meer hinter Fluminimaggiore meint Monika, dass sie eben auf der SS126 aus Langeweile mal auf den Tacho geschaut hat. Langeweile? Die Frau macht mich fertig! Ich hätte fast über die Brüstung gebrochen, so kurvig war die Strecke und sie hat Zeit, sich im Innespiegel zu schminken! 😉

Anmerkung 5:

Blick hinter die Kulissen gefällig? Blog schreiben dauert abends ca. 2 Stunden, Fotos kopieren, sichten, sortieren, hochladen, Text des Tages korrigieren, ergänzen, schreiben. Wichtigstes Utensil derzeit dabei: Der Trinkrucksack auf dem Rücken, da ich immer noch zu wenig tagsüber trinke!

Anmerkung 6:

Noch mehr Blick hinter der Kulissen gewünscht? Dann fragt mich, eventuell beantworte ich auch eure Frage! 😉

 

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8 comments on “Sardinien – Tag 3 – Von West nach Süd

  1. Hallo Julia, toller Reisebericht von einer traumhaften Insel, bin selber bisher 3x dagewesen, 2001 das erste mal auf ähnlicher Runde wie du um die Insel. Wünsche Dir/Euch noch viele schöne km auf herrlichen Straßen und immer eine gesunde Ankunft, Gerd

  2. Soo… endlich bin ich auch in die Tour eingestiegen. Habe mich erstmal 1 1/2 Stunden auf den aktuellen Stand bringen müssen und dabei oft herzlich gelacht! Ich bin ab jetzt wieder mit euch beiden in Urlaub – schön, dass du dich doch dafür entschieden hast, den täglichen Block zu schreiben, Jule! Eine wundervolle weitere Reise wünsche ich euch!

  3. Hallo Julia, mit Begeisterung folge ich Deinen Berichten. Es ist schon wieder ein Jahr her, als ich das letzte mal auf Sardinien war und bestimmt nicht das letzte mal.
    Die schönste Ecke der Insel steht Euch ja noch bevor.
    Ich hätte da noch einen Tip für Euch. Wenn es Eure Routenplanung erlaubt, solltet Ihr unbedingt auf den Monte Gonare, Nähe Sarule fahren. Dort führt ein Wanderweg zur auf dem Gipfel stehenden Kirche. Von dort hat mal gigantische Ausblicke über die Insel. Wenn das Wetter passt, ist das der einzigste Ort, vonwo man das Meer im Osten und im Westen sehen kann. (Koordinaten 40 ° 13’37.74 “N 9 ° 12’09.86″O )
    Ich wünsche Euch noch aufregende Tage und tolle Touren auf meiner Lieblingsinsel.

    Liebe Grüße Roland

  4. Mädels, ich sauge jedes Wort ein.
    Welch köstliche Lektüre, was für tolle Bilder, wobei Monis “UnterfahrtangelegtMakeup” gar nicht auffällt
    Kap Spartivento kommt in einem der Texte für meine Funkprüfung vor … Notfallmeldung, 12 Seemeilen südlich davon. Crewmember mit Verdacht auf Herzinfarkt, der Arme muss gerettet werden, Mayday!
    Hoffentlich kriege ich diesen Text zur Prüfung. Dann kann ich mit meinem abgelesenen Wissen, wo das eigentlich ist, so richtig reinhauen, Mädchenmotorrad-Blog lesen bildet – jawoll ja
    PS: Wie lange brauche ich wohl mit dem Boot bis Spartivento …
    PPS: TomTom-Bedienung ist Kinderkram, wie ich festgestellt habe … irrerweise heute mit dem Studium des Handbuches zum Kartenplotter \ Schiffsnavi begonnen, 360 (!!) Seiten … doppelt bedruckt – die spinnen! Dann noch Kleindruck in Größe 10 oder so, Piktogramme Fehlanzeige.
    Ich bleibe noch bei den Seekarten … die verstehe ich wenigstens annähernd.

    Aber ich schweife ab …
    Für euch und die kommenden Tage … keep biking long & prosper

    Gruss, Dani

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