Toleranz unter Bikern? Schön wär’s!

Vorwort

Fleißige Kradblatt-Leser und “mir-in-facebook-follower” werden den Artikel bereits kennen, aber für die “nur-Blog-Abbonnierer” hier auch noch mal mein Editorial aus dem Kradblatt 4/2019.

 

Foto: Motor Rausch

 

Warum sind wir so intolerant?

 

Wir sind die Besten! Wann hat das eigentlich angefangen, dass reale und virtuelle Biker sich so unterscheiden? Wo ist die so hoch gelobte Toleranz und die überall auf der Welt verbreitete Freundlichkeit untereinander?! Was ich damit meine?

Gehe ich an einen Bikertreff (oder auch in das pittoreske Straßencafé), so komme ich schnell mit anderen Motorradfahrern ins Gespräch. Wir finden schnell Themen und Gemeinsamkeiten und können aber genauso leidenschaftlich freundlich und herzlich über unsere Unterschiede diskutieren. Ein überzeugter Harleyfahrer zeigt mir das neueste Airbrush, welches ich bewundere und er bestaunt an meiner Reiseenduro die Unmengen an mitgeschlepptem Gepäck. Wollen wir tauschen? Auf keinen Fall! Aber jeder wertschätzt den anderen für eben seine Interpretation der Freiheit auf zwei Rädern!

 

Kleiner schwarzer Packesel 🙂

 

Gleiches gilt für das Schrauben. Da bummelt man durch Alleen von den unterschiedlichsten Motorrädern, bestaunt die einen, holt sich Anregungen bei den anderen, schwätzt mit Selbstschraubern und tauscht Erfahrungen mit Werkstätten aus. Es geht aber nie darum, was von beidem besser ist!

An der Eisdiele schwatzen Sonntagsfahrer mit Weltreisenden und jeder freut sich über die Erzählungen des anderen, auch wenn diese vielleicht nicht seiner Vorstellung von Motorradfahren entsprechen.

 

Schall und Rauch

In den sozialen Medien ist aber das Wort „sozial“ eher Schall und Rauch. Da wird nach Jahreskilometern gefragt und jeder unter 10.000 Kilometern soll angeblich besser das Hobby wechseln. Mag jemand Chopper, ist er eh kein echter Biker und BMW Boxer GS-Fahrer dürfen eh schon gar keine Bilder mehr ihrer Bikes posten, möchten sie nicht mit Schimpf und Schande untergehen.

 

Bei mir werden GS gezeigt! Foto: Richard Fromholt

 

Ach ja, die Superbikes! Wären deren Besitzer nicht bei Facebook, könnte man niemanden als Organspender oder bereiften Mörder bezeichnen! Und, derzeit das populärste Thema: Saisonkennzeichen! Nur Weicheier haben angeblich solche und wer nicht schon im Januar die ersten 4000 km unter die Räder genommen hat, sollte es den Rest des Jahres auch besser nicht versuchen.

Ebenfalls nicht zu verachten ist die Intoleranz gegenüber Neuem und jenseits der angeblichen Norm liegendem. Kennt ihr nicht? Dann sucht mal nach Posts über die Honda X-ADV, die Yamaha Niken oder gar Elektromotorräder wie z.B. von Zero oder Energica. Man muss nicht alles gut oder hübsch finden, aber konstruktive Kritik liest sich für mich definitiv anders.

 

Zero DSR

 

Winterfrust

Ich gestehe, dass mir daher über den Winter oftmals die Lust an den virtuellen Motorrad-Foren vergeht. Ich wünsche mir Fotos von vergangenen Reisen, sehnsüchtige Berichte über ferne Länder, konstruktive Beiträge zu den diversen Themen – und dabei sind kontroverse, aber wertschätzende Diskussionen so gewünscht wie dringend notwendig. Aber wir sollten virtuell so miteinander umgehen, wie wir es in der realen Wert praktizieren. Es geht uns allen doch um das Gleiche: Den Spaß am Motorradfahren, an der Technik, der Landschaft und den tollen Begegnungen mit anderen Menschen! Seid wertschätzend oder „einfach mal die Klappe halten“, bevor man jemanden anderes mit seinen abschätzigen Bemerkungen trifft oder ihm im schlimmsten Fall sogar das geliebte Hobby versaut.

 

Persönliche Treffen sind einfach die schönsten!

 

In diesem Sinne: Ich freue mich, dass die Saison endlich wieder los geht und wir uns – wo auch immer – evtl. mal im realen Leben treffen. Das ist schließlich immer noch das Beste!

 

Anmerkungen des Tages:

Anmerkung 1:

Wen ich vergessen habe ich meiner Vergleichsliste:

  • Rollerfahrer: Wer nicht Motorrad fährt, kann schon kein Biker sein! 😉
  • 80er, 125 er und 250 ccm-Fahrer: Nein, die würde ich auch nicht grüßen! Jeder von uns hat ja automatisch mit dem größten Motorrad angefangen, gerade die, die schon gefühlte 100 Jahre auf dem Zweirad sitzen. Und noch mal ‘nein’ – wir sollten nicht die Jugend Toleranz und den Spirit der Biker lehren. Stell Dir mal vor, die würden Spaß dran haben und mal “echter” Biker werden! 😉
  • Knieschleifer: Liebe Knieschleifer, ihr seid für mich inhaltlich unter die Rubrik der Superbikes gefallen. Ich hoffe, ihr könnt für den Sinn des Artikels damit leben.
  • Warnwestenträger: Stimmt, die lächerlichsten Kreaturen auf dem Zweirad hätten natürlich einen eigenen Artikel verdient. Habe ich zeitlich aber nicht geschafft, musste über meine tiefschwarze Regenkombi in der Gischt der Autobahn noch meine Warnweste ziehen. Sorry dafür – hänge aber an meinem Leben! 😉

Habe ich wen vergessen? Dann meldet euch, ein paar Anmerkungen sind noch frei!

 

Anmerkung 2:

Die schönsten (gekürzten) Kommentare aus Facebook:

  • Endlich mal auf den Punkt gebracht.
  • […] Gruppenkreiswichsen […] (Anmerkung: Was habe ich über den Begriff gelacht! Super!)
  • Leben und leben lassen
  • Super geschrieben
  • Du sprichst mir aus der Seele.

 

Anmerkung 3:

Ja, ich lästere auch über BMW-Fahrer. Aber nur über die aus meinem persönlichen Bekanntenkreis und auch nur, wenn sie dabei sind. Weil wir uns kennen. Weil wir wissen, wie der andere es meint. Die lästern über meinen “Rote-Schrauben-Tick” an meiner Strom, ich über die Helferlein an deren BMW.

Aber dies ist auch eigentlich kein Lästern, sondern wertschätzendes freundschaftliches Frotzeln. Weil wir uns schätzen! So wie wir sind.

Was ich aber keinem verrate: Bei mir ist das nur der Neid, weil ich mir außer einem billigen Japaner nichts anderes leisten kann! 😉

 

Anmerkung 4:

Der letzte Satz war nur Spaß meine kleine schwarze Schönheit! Du bist das beste Motorrad auf der Welt, du bist MEIN bestes Motorrad auf der ganzen Welt!

 

3 comments on “Toleranz unter Bikern? Schön wär’s!

  1. Der Mensch beziehungsweise die von ihm selbst angenommene Rolle wird dadurch definiert, dass sich “gleich und gleich gerne gesellt”. Gleichzeitig wird sich abgegrenzt. Kennzeichnend für viele Gruppen ist ihre Abgrenzung gegenüber Nicht-Mitgliedern oder eben Personen die eindeutig einer anderen Gruppe zugehörig sind (oder zumindest vermeintlich einer anderen Gruppe zugehören).

    Ergo: »Die Motorradfahrer« gibt es primär nur aus der Sicht von Personen, welche »die Motorradfahrer« nicht leiden können. 😉

    Die Motorradfahrer selbst unterscheiden sich in ihrer großen, großen Gruppe in kleinere Gruppen. Man muss sich ja wieder ganz genau (neu) definieren und ganz genau abgrenzen. Aus »Menschen, die gerne Motorradfahren« werden also viele Splittergruppen.

    Wenn man dann auch noch sagen kann was man will – und das ohne jegliche Konsequenz kommt eben das raus was das Internet auszeichnet: »Das Tolle am Internet: Jeder kann mitmachen. Das Schlimme am Internet: Jeder kann mitmachen«.

    Und schon muss man sich wegen seinem Saisonkennzeichen rechtfertigen weil einer (den man gar nicht kennt) gesagt hat: »Das ist nur für Weicheier!«. Das kann der den man gar nicht kennt leicht sagen. Vermutlich hat ihm seine Frau verboten ein Motorrad zu haben und wenn er etwas einspurig fährt, dann ist das eine Schubkarre bei der Arbeit. Mehr darf er nicht mehr. 😀

    Mist… Jetzt habe ich gerade die Gruppe der nicht-motorradfahrenden Schubkarrenschieber beleidigt… Ich höre besser auf… 😀

  2. Schönheit entsteht im Auge des Betrachters, folglich hat doch jeder das schönste Bike, sonst hätte er/sie sich doch ein schöneres zugelegt!
    Ob ich Rollerfahrer grüsse? Nun, ich erwidere jeden Gruss, vom Fussgänger bis zum Panzerpiloten, egal womit ich unterwegs bin.

  3. Und wo gehöre ich hin?
    Bin ordentlich über 50, fahre einen grossen boxer tourer, fahr nicht das ganze Jahr und zwischen durch noch ein Superbike. Und auch noch auf der Rennstrecke. Dann mal grosse mehrtagesstrecken zu zweit. und auch mal zur Eisdiele. Und wenn ich geld hätte, besässe ich auch noch eine Indian Scout.

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