Pyrenäen – Mittwoch – 7.9.2016

Bewusstseinserweiterung

 

Motorrad fahren macht süchtig! Motorrad fahren ist wie eine Droge!

An den zweiten Satz mit den Drogen muss ich heute morgen denken, als ich beim Aufwachen feststelle, dass sich mein Körper und mein Geist voneinander getrennt haben. Während mein Körper regungslos im Bett liegt und hofft, dass der heutige Tag kühler ist, ist mein Geist hellwach und schreibt diese Zeilen schon mal ins Unreine.

Ich entschließe mich, die Zeit bis zum Weckerklingeln zu nutzen und die sich überschlagenden Ereignisse des gestrigen Abends zu rekapitulieren. Keine Berichte für zarte Gemüter!

Beim Abendessen gibt es regionale Spezialitäten, die ich gerne teste. Meine Speisewahl führt nach dem Servieren zu wilden Foto-Orgien, Erzählungen aus Kriegstagen und der Frage, ob eigentlich jeder auf so eine Reise mitgenommen werden muss. Roadine überlegt, ob wir überhaupt irgendwelche Gemeinsamkeiten haben und versucht sich verzweifelt an irgendein schönes Erlebnis mit mir zu erinnern.  😉

Ich weiß gar nicht, was die von mir wollen!

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(Schweinefüße mit Schnecken)

Ich entscheide mich, heute abend vielleicht etwas anderes zu wählen. 😉

Parallel bekomme ich mit, dass Wetten laufen, wer die meisten Insekten fangen kann! Außerdem wollen alle in meine Gruppe wechseln am kommenden Tag.

Ich weiß gar nicht, was die von mir wollen!

Beim nächsten Mal erzähle ich vielleicht abends nicht, dass ich wegen eines stechenden Insekts im BH am Straßenrand blank ziehen wollte. Vielleicht….. Vielleicht hat das eine ja auch gar nichts mit dem anderen zu tun. 😉

Mein Bikini ist in Hungerstreik getreten! Er weigert sich, auch nur einen weiteren Tag im dunklen Koffer mitzufahren, ohne die Landschaft sehen zu können.

Ich weiß gar nicht, was der von mir will!

Um das Friedens Willen werde ich mit dem Tourguide sprechen, wie wir den Bikini bei Laune halten können! Das mache ich nur ihm zuliebe!

Aber so langsam beginnt nun auch der neue Tag! Halbzeit unserer Reise!

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Da wir zwei Nächte hier in Spanien bleiben, brauchen wir keinen Koffer zu packen und können etwas länger liegen bleiben. Ich nutze diese Zeit und mache meinen Körper und Geist wieder miteinander bekannt. Sie verstehen sich auf Anhieb gut und wir können dann doch alle zusammen den Tag in einem noch schlafenden Vielha beim Frühstück starten!

Der Satz „der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“ muss von einem Motorradfahrer stammen, der sich morgens so gefühlt hat, wie ich. Daher höre ich auf meinen Körper und schließe mich – anders als Roadine – der Gruppe an, die weniger Kilometer Asphalt unter die Räder nehmen möchte. Ich finde, heute reichen mir 300 km.

Die Motorrädern werden aus der gefliesten Garage geschoben und die erste Gruppe startet auch schon.
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Wir starten steil Richtung Süden durch einen Tunnel, um uns auf großen Straßen einzuschwingen.

Bei 13 Grad versuchen wir uns an die Hitze von gestern zu erinnern und nicht schon wieder zu jammern.

Die Sonne blendet, daher beschließe ich, trotz Sonnenbrille auch noch den Sonnenschutz meines Helms zu schließen. So geht es.

Hinter der nächsten Kurve sehe ich schlagartig schwarz – in einem unbeleuchteten Natursteintunnel. Erst hupe ich wild, setze hektisch den Blinker, bevor ich im dritten Anlauf endlich die MotoBozzo – Steuerung meiner Zusatzscheinwerfer finde. Schlagartig wird es taghell und ich kann sicher weiter fahren.

Gut…. „taghell“ ist vermutlich in dem Moment auch das, was der mir Vorausfahrende denkt. Aber ich muss sein Problem ja nicht zu meinem machen. 😉

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In Torre la Ribera gibt es acht Häuser, drei Autos und ca. 15 Einwohner… Und eine Stoppstrasse…. Wer also eine Stoppstrasse braucht, sollte da mal anrufen. Ich würde sagen, sie können ihre entbehren…. 😉

Nach einem kurzen Fotostopp geht’s natürlich weiter zum Kaffee… Kurz hinter Campo werden wir direkt an der Straße fündig! Wir sitzen schön im Schatten und genießen noch die etwas kühlere Luft!

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Auf den ersten Metern begleitet uns noch ein über uns kreisender Geier! Ich glaube, ich habe noch nie einen in freier Wildbahn gesehen!

Wir folgen noch ein Stück der N260 bevor wir in Arro rechts abbiegen. Für ein paar Kilometer folgen wir der grauen Asphaltschlange durch wunderbares Gestein. Man verliert fast die Orientierung, in welche Richtungen sich die Gesteinsschichten vor einem auftürmen.

In Laspuña queren wir den Riu Cinca und steigen bei Puyarruego in das Valle de Vió ein. Die Schilder warnen vor Steinschlag und bitten uns um 30 km/h für die nächsten 10 km. Wir gehen davon aus, dass dies pro Achse gemeint ist! Sofern uns nicht Autos ausbremsen, halten wir uns auch an die Richtgeschwindigkeit.

Dennoch zeigen wir uns beeindruckt. Beeindruckt von den tiefen Schluchten, von dem tief in den Fels gegrabenen Fluss zu unserer Rechten und später auch zu unsere linken und von den Resten des Steinschlags vor unseren Reifen. Einfach toll!

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Mit diesen Bildern vor Augen wird es Zeit für eine Stärkung. Ein paar Sonnenschirme oberhalb der Straße vor Fanlo locken uns eine abenteuerliche Auffahrt hoch. Der Ausblick und die Baguettes sind diese kurze Strapaze allemal wert.

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Die beiden selbsternannten Adventure Boys mit ihren GS träumen davon, eine dieser vielen unbefestigten Straßen zu unserer rechten oder linken in Angriff zu nehmen. Davon erzählen sie zumindest beim Mittagessen. Ich träume davon, dass die beiden vor mir schneller durch die kleinen Straßen fahren oder sich Fahrräder kaufen, oder beides. Aber das erzähle ich lieber niemandem. Muss ja keiner wissen.

Die abenteuerliche Auffahrt müssen wir auch wieder herunter. Das hatte ich irgendwie verdrängt…

Aber wir kommen alle gut auf der Straße wieder an und kurven weiter auf kleinen Straßen durch die spanische Natur. Es ist faszinierend, wie beim näheren hinsehen einige Felsen aussehen, als wären sie betoniert.

Wieder biegen wir auf die N260 (Eje Pirenaico) ab, die uns die beiden Tage schon so zuverlässig begleitet. Tolle Kurven und die obligatorischen Autos machen die Fahrt zu einem tollen Erlebnis.

Kurz vor Boltaña krallen sich knorrige Kiefern in die blutroten Felsen! Es ist toll zu sehen, dass auch die aus Naturfels erbauten Häuser sich farblich an die jeweils umgebenden Felsen anpassen. Grau in grau, rot in rot und gelb in gelb. Ich hätte 1000 Fotos machen können.

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Auf einmal liegen rechts über uns 10 verlassene und längst überwucherte Häuser am Hang. Warum genau hier? Warum sind genau diese verlassen und drei Kilometer weiter dass Dörfchen intakt!? Ich würde so gerne jemanden fragen….

Immer weiter folgen wir der N260 über Aínsa und Morillo de Liena, bevor wir in Castejón de Sos noch einmal die müden Glieder im Schatten ausstrecken. Es war ein traumhafter Tag, aber es haben sich alle genug. Die Bar – Betreiber schenken jedem von uns zum Abschied einen Aufkleber, damit wir viel Werbung machen. Ist hiermit erledigt. 😉

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Die letzten Meter vergnügen wir uns noch auf der etwas kleineren 260, bevor wir für die letzten Kilometer auf die deutlich größere N230 nach Norden abbiegen müssen. Läuft es bis zum Tunnel rund mit überholen und schnellen Passagen, macht es auf den allerletzten 5 Kilometern keinen Sinn mehr, etwas zu erzwingen. Lkw reiht sich an Wohnmobil, an Auto, an Lkw….

Wir tanken noch eben voll und genießen ein Feierabendbier, als uns der Wirt der Bar über die bevorstehende Fiesta informiert. Das Schauspiel lassen wir uns nicht entgehen. Immerhin ist ein Umzug mit der Festkönigin angekündigt.

Gut, nach 7 Minuten ist das Spektakel vorbei.. Für einen Rheinländer mit Karneval vor der Tür vielleicht erweiterbar…. Aber wir wollen uns nicht beschweren, immerhin ein Umzug!

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Roadine ist auch schon wieder im Hotel und hatte auch einen traumhaften Tag in ihrer Gruppe. Gut, sie stand immerhin im Wasser, ich nicht! Aber bereuen tut jede von uns ihre Entscheidung nicht! Also alles perfekt! 🙂

Morgen verlassen wir Spanien schon wieder und wollen über Andorra wieder Richtung Carcassonne. Wir verabschieden uns daher von Vielha. Oder es sich von uns…

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