Im Tal der Ahnungslosen…

…befanden Heike, Dagmar und ich uns sicherlich nicht, als wir uns Samstag morgen um 10:00 Uhr bei Karl in der Werkstatt eingefunden haben. Aber vielleicht ein bißchen…

Workshop für Bikerinnen

So lautete die Veranstaltung bei Facebook, die Reifen und Fahrwerk Service Klann angekündigt hatte. „Da melde ich mich doch mal direkt an“, habe ich irgendwann im Februar beschlossen und am Samstag war es dann so weit.

Angemeldet waren wir zu fünft, erschienen sind nur wir drei. Daher waren wir eine nette kleine Runde, die sich bei Karl und seiner Frau Anette im Wohnzimmer zum zweiten Kaffee einfinden durften. Ein sehr herzlicher Empfang, der Vorfreude auf die kommenden vier Stunden machte. 🙂

Es war zwar nicht sonderlich warm, aber zumindest trocken, so dass wir warm eingepackt unsere Motorräder in die Werkstatt schieben durften.

 

Erster Plausch um die Motorräder

Es wurden Erwartungen abgefragt, Vorkenntnisse und auch unser kleiner kulinarischer Stammtisch durfte nicht fehlen!

 

kulinarischer Stammtisch

 

Der magische Zettel unserer Erwartungen

 

Hatte Karl zunächst jeden einzelnen nach eventuell speziellen Fragestellungen gefragt, stand am Ende unserer Liste doch irgendwie zusammengefasst „kleine Inspektion“. Aber weder Karl noch wir glaubten daran, dass er uns in 4 Stunden zu Motorrad-Mechanikerinnen ausbilden wird.

Die kleine BMW GS700 von Dagmar und meine kleine Schwarz waren schon mit Hauptständern ausgestattet, die GSR wurde mal eben kurz „geliftet“ und schon konnte es losgehen.

 

GSR-Lifter

 

Do-it-youself bei #umfallera war unser erstes Thema. Mopped fällt, Hebel bricht, Weiterfahrt unmöglich, doch ab jetzt kommen wir! 🙂 MIt etwas Geschick, Kraft und Klebeband können wir ab sofort unsere Tour zu Ende fahren und entspannt beim Schrauber unserer Vertrauens den Hebel wieder auswechseln lassen.

 

Ersatz-Bausatz

 

Der Teil war ja noch einfach, aber erst mal das Werkzeug dafür an der GSR finden…

Man nehme die Sitzbank ab, man nehme die Seitenverkleidung ab, man ziehen an der Lasche mit der Aufschrift „PULL“, man ziehe die schwarze Kiste heraus und man finde darin seine kleine Werkzeugrolle. Echt gut zu wissen, denn selbsterklärend war das nicht. (Aber besser noch als bei der GS, da war außer 3 Mini-Werkzeugen in der Sitzbank gähende Leere…)

 

zuerst die Verkleidung ab…

 

dann findet man auch das schwarze Werkzeugkästchen

 

Elektrik, die begeistert

Weiter ging es zur Elektrik, den Sicherungen. Aber auch hier musste die GS schon wieder eine Sonderrolle spielen. „Isch ‚abe gar keine Sischerung“, hörte man sie mit französischem Akzent murmeln. Can Bus?! Moderner Schnickschnack! 😉

Daher durfte Dagmar nur zuschauen, wie wir zuerst auf die Suche nach allen Sicherungen gingen, dann auch die jeweils passenden Ersatzsicherung dazu fanden und unter Hilfenahme von etwas stabilerem als zarten Damenfingernägeln diese wie die Profis hin- und hergesteckt haben. (Nein, keine Sorge, 10 A blieb bei 10 A und 15 A bei 15 A – wir wollen ja keine Rauchzeichen geben!)

 

Isch ‚abe Sischerungen

 

und isch ‚abe Zange!

 

Aber dies war noch nicht der ganze Exkurs in die Elektrik. Auch Batteriewechsel, Winterpflege der Batterie, Hauptsicherung und „erste-Hilfe“ bei dem ein oder anderen Stromausfall haben wir noch besprochen.

Damit aber auch Dagmar wieder mitreden durfte (gut, Batterie etc hat ihre GS ja auch), haben wir dann an allen drei Motorrädern mal die Glühbirnen (das Leuchtmittel!) gewechselt.

In der Reihenfolge der Einfachheit:

Platz 1: Die BMW 700GS. Schraubverschluß ab, Stecker ab, Haken ab, Birne raus, Birne rein und alle retour. (Und das mit allen Birnchen, die LEDs haben wir mal nicht gewechselt! 😉 )

Platz 2: Die Suzuki DL 650. Gummipfropfen ab, Stecker ab, Birne raus, Birne rein und alles Retour. Bisschen Friemelei mit den Gummihüllen, aber geht. Zumindest die H4-Birne. Die Positionslichter dürfen bei einem Ausfall einfach ausbleiben. Wie soll man da denn dran kommen? Ansonsten alle anderen Lichter und Blinker auf LED umgerüstet – daher hier kein Arbeit!

Platz 3 (oder noch weiter hinten): Die Suzuki GSR 600: Lampenmaske abschrauben an 6 Schrauben, Gummipfropfen ab, Stecker ab, Birne raus, Birne rein und alles Retour, incl. Lampenmaske wieder anschrauben. Aber damit es nicht langweilig wird, schraubt man anschließend die Blinkergläser ab, um anschließend einer nie wieder an Ort und Stelle sitzenbleibender Gummdichtung gegenüber zu stehen, die kurz davor war, den Sieg trotz Unterzahl für sich zu verbuchen. Aber Karl wäre nicht Karl, wenn er nicht in der Verlängerung der Dichtung einmal zeigte, dass er den längeren Atem hatte. Wir waren uns einig, dass man das alles nicht „mal eben“ im Dunkeln an der Strassenecke machen möchte!

 

Der Kampf mit dem Scheinwerfer

 

Aber nicht immer und überall hatte die BMW die Nase vorn. Schon sehr früh bei einfachsten Tätigkeiten wie Flüssigkeitsstände prüfen und ggf. nachfüllen musste die Plastikabdeckung vom Tank, oder der Stelle, wo die beiden Suzukis ihren Tank haben.

 

Wo ist der Tank?! 😉

 

Genug geschraubt – HUNGER – DURST – TOILETTE!

 

Pause!

 

Reifen – Kette und die Bremse

Nach der Pause haben wir uns der Kettenspannung gewidmet, den eher gepflegten Ketten, draußen am Haken hängend auch ungepflegten Ketten, so dass wir neben Haifischzahn an Kettenrädern auch fest sitzende Kettenglieder begutachten durften. Ich weiß jetzt auch, wo ich die Anzahl der Zähne auf einem Kettenrad finde und dass meine Kette zu locker sitzt. Auf die zweite Information hätte ich irgendwie verzichten können! 😉

Aber vermutlich trifft man hier auch wieder 100 verschiedene Meinungen. Ich habe mich bisher an die mir bekannte Information gehalten, dass man auf dem Motorrad sitzend das Spiel der Kette rauf und runter messen soll. Aber was ist je Motorrad die richtige Länge? Ein Blick in mein Handbuch zeigte mir 2 cm nach oben, 1 cm nach unten, aber nicht sitzend auf dem Motorrad, sondern ganz ohne Last auf dem Seitenständer! Da werde ich bei dem nun eh fälligen Bremsenwechsel mal nachfragen, denn so gemessen schien sie mir echt viel zu locker!

 

voller Einsatz von Karl

 

Aber auch die Bremsen durften nicht zu kurz kommen.

Bremsscheibe, Bremsbeläge wurden genau unter die Lupe genommen. Bei mir nur das, was von beidem noch übrig ist! Ich hatte für Montag schon den Termin gemacht, aber so war ich ein gutes Beispiel, wie tief die Bremsflüssigkeit im Behälter sinkt, wenn Scheibe und Beläge deutlich am Verschleißlimit sind.

V-Strom Bremse

 

Hier waren Heike und Dagmar vorbildlicher unterwegs. Allerdings ist deren letzter Tausch auch nicht so lange her. Ich brauche also kein so schlechtes Gewissen zu haben.

Weiter ging mit den beiden runden schwarzen Dingern unten am Motorrad – den Reifen. Luft prüfen, DOT-Nummer finden (und verstehen) waren die Übungen zum Warmwerden. Dann kam mein Highlight  -das Reifen reparieren!

In der Theorie durch mehrfaches stirnrunzelndes Lesen von Anleitungen längst beherrscht, hätte ich mich aber in der Praxis doch nicht getraut, selber meinen Reifen zu reparieren. Gut gelesen ist ja doch noch nicht selbst gemacht.

Zuerst den Reifen fachmännisch ruinieren!

 

Dann aufrauhen!

 

Stopfen-Propfen einlegen und Kleber verwenden

 

[Beim Stopfen-Propfen rein-quetschen war ich so fasziniert, dass ich kein Bild gemacht habe!]

[warten]

prüfen!

 

Viel zu schnell waren die 4 Stunden vorbei! Punkt 14 Uhr… WAS?! Schon 16 Uhr?! Es war so interessant, dass Karl mal eben um zwei Stunden verlängert hat, um den Wissensdurst von uns drei Mädels zu stillen und unsere gesamte Erwartungsliste abzuarbeiten.

Fazit des Tages: Wieder so viel gelernt, super toller Tag, Highlight!

 

Anmerkung 1:

Dieser erste Workshop in 2017 für Bikerinnen hat direkt zwei Mal stattgefunden, da so viel Interesse war. Wer also nun selber einmal etwas mehr über sein Motorrad lernen möchte (und dazu noch weiblich ist), sollte sich schnell für den 2. Workshop am 1. Juli 2017 anmelden. Die Plätze sind rar – und das ist gut so! 🙂

 

Anmerkung 2:

Eigentlich muss ich den beiden daheimgebliebenen angemeldeten Damen Danke sagen. Danke, dass wir daher zu dritt in den Genuss eines echt exclusiven Workshops kamen.

 

Anmerkung 3:

Noch viel mehr Danke sage ich aber Dagmar, Heike und vor allen Dingen Karl für den tollen und unglaublich kurzweiligen Tag! Seiner Frau Anette gilt der Dank für das Umsorgen!

 

Anmerkung 4:

Natürlich prüft man unterwegs nicht mal eben in einem Eimer Wasser den geflickten Reifen. Aber als Erfolgserlebnis für uns war das genau richtig! 🙂

 

Anmerkung 5:

Den Workshop könnte man auch „Anleitung zum Klugscheißern“ nennen, denn jetzt kann ich endlich mitreden! 😉

7 comments on “Im Tal der Ahnungslosen…

  1. Es war unterhaltsam, „dabei“ gewesen zu sein. Ist ’ne tolle Sache, so ’n Workshop, ich werde das bei meinem Schrauber versuchen anzuregen, gibt mit Sicherheit auch Bedarf auch bei uns!

  2. Liebe Julia, vielen Dank für diesen sehr schönen Bericht über unseren Workshop. Der gestrige Samstag lief beim Lesen noch einmal wie ein Film ab. Ich freue mich sehr darüber, dass ihr soviel Spaß hattet und viel mit genommen habt. Nun bin ich auf erste Berichte gespannt, bei denen ihr euer neues Wissen anwenden konntet. Liebe Grüße Karl & Anette

  3. Hallo Julia, das
    ist ja n Technik- Blog. Fein fein. Schön geschrieben, schön zu lesen.

    Kleiner Tip zur Kettendurchhangskontrolle ( was für ein Wort) Mopet auf den Hauptständer, Durchhang unten etwa in der Mitte der Schwinge messen, dazu die Kette auf und ab bewegen. Sollten 3-3,5 cm sein, dann bist Du bei den meisten Motorrädern auf der sicheren Seite.

    1. Lars, grundsätzlich gilt für jeden Biker: schau in die Bedienungsanleitung! Das ist die Bibel, in der (fast) alles steht was ein Biker wissen muss. Selbst beim TÜV zücke ich hin und wieder die Bedienungsanleitung.

  4. Hab am Samstag einer Bekannten auch einen kleinen Crashkurs gegeben. Eigentlich wollte sie Bremsbeläge wechseln. Die waren aber noch gut, dennoch hab ich ihr gezeigt wie der Bremssattel abgeht. Der Vergleich zwischen neuen und alten Belägen unter Betrachtung der Fahrleistung waren erklärend genug, dass es noch lange nicht nötig ist und Werkstätten da gern mal was verdienen wollen.
    Bei der Gelegenheit gabs auch noch die eine oder andere Elektrikkontrolle, so lernte sie ihr Fahrzeug besser kennen, aber hat ja auch schon Blinker und Hebellei selbst gewechselt.

    Meinem Kumpel darf ich auch immer alles zeigen, das macht auch Spaß, vor allem wenn man die Fortschritte sieht und man eben gemeinsam schrauben kann.

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