Lemming – Skorpion – oder die Frage nach dem Reifen

Ich bin ein Lemming – irgendwie! Klar habe ich auch meine eigene Meinung, aber wenn 100 Leute anders denken, können sie ja auch Recht haben. Ich nehme mir also das Recht heraus, meine eigene Meinung auch gerne zu überdenken.

So geschehen bei der Frage nach dem richtigen Reifen.

Beim Kauf meiner Kleinen war irgend so ein alter Dunlop-Quatsch aufgezogen. Seitwärts-Slides in Weinbergen und ein mich rechts langsam überholendes Heck beim starken Bremsen hat mich den Tränen nah gebracht. Angst, Unsicherheit und ein echt blödes Gefühl beim Fahren sind nicht das, was einen zum leidenschaftlichen Motorradfahrer macht.

Forum gelesen, Tests gelesen, eigene Meinung gebildet, Metzler Tourance Next aufgezogen – und HAPPY gewesen! Insgesamt 3 Sätze dieses wunderbaren Reifens habe ich in den Asphalt massiert und auf französischen Straßen zurück gelassen.

Selbst erfahrene Motorradtrainer waren beeindruckt von den Eigenschaften des Reifens. Denn beim ADAC hatte ich ein Nässe-Training, bei dem mich der Trainer beim Schräglagefahren dann doch etwas gebremst hatte mit dem Kommentar „Schön, dass DU so viel Vertrauen in Deinen Reifen hast, ICH habe es beim Zusehen nicht!“ War er wirklich so beeindruckt oder ist mein Vertrauen in den Reifen dann doch etwas zu naiv gewesen? Egal! Ich fand ihn toll! 🙂

Anfang 2016 wurden dann diese sich überschlagenden Tests des Pirelli Scorpion Trail II veröffentlicht. DER Reifen schlechthin, soll alles noch etwas besser können wie der Metzler, mehr Grip, besser bei Nässe, und einfach DER Reifen schlechthin.

Da wurde ich wieder ganz der Lemming! Wechseln alle auf den Pirelli, dann tue ich das auch! Was interessiert mich mein Metzler-Gewäsch zuvor?! Pirelli soll es sein! Ich habe ihn sogar extra im Juni schon vorbestellt, damit er Ende August auch brav auf mich in der Werkstatt wartet und ich nicht aufgrund eines angeblich drohenden Lieferengpasses auf diesen schon längst aus meiner Erinnerung verdrängten Metzler zurück wechseln muss.

Am 30. August war es dann so weit! Neue Reifen vorne und hinten, neue Bremsbeläge vorne und drei Tage später direkt auf große Tour in die Pyrenäen. Perfekt!

Doch schon bei der Anfahrt hatte ich beim Anhalten an Ampeln und Parkplätzen kein gutes Gefühl. Auf den letzten Zentimetern kippte die Maschine immer weg und ich hatte den Eindruck, auf einmal nicht mehr sicher anhalten zu können. Aber da habe ich es noch auf die nigelnagelneuen Bremsbeläge geschoben, die wohl etwas kräftiger und ungestümer zupackten als die alten eingeschliffenen.

Auf den nun folgenden 4000 km quer durch Frankreich und die Pyrenäen gibt es im Grundsatz an den Reifen nichts zu meckern. Sie kleben auf der Straße wie Sau und machen einfach Spaß beim flotten Kurvenhetzen. Aber ich habe das Gefühl, der Vorderreifen braucht auch ständig die volle Kontrolle des Fahrers.

Zieht sich eine Kurve unerwartet zu …. (also unerwartet für mich, denn wie immer gilt, dass bei angepasster Geschwindigkeit der Kurvenverlauf nicht unerwartet hätte sein dürfen, da man ja stets nur so schnell fährt, wie man auch die Straße überblicken kann. Ja ja, bla bla…. 😉 )….

Also noch mal: Zieht sich eine Kurve unerwartet zu, so verlangt der Vorderreifen schon echt Nachdruck, um enger um die Kurve zu fahren. Ganz anders, wenn man sehenden Auges auch durch enge Kehren fährt. Da hat man ja die Kontrolle und lenkt von vorneherein korrekt. DAS kann der Pirelli spielerisch. Aber vom nachträgliches Korrigieren möchte der Pirelli schon echt überzeugt werden. Fast so stur und zickig wie eine Frau. Vielleicht statt „der Reifen“ ist es hier doch „die Bereifung“?! 😉

Träumend durch die Landschaft gleiten, den Blick schweifen lassen und den Gedanken freien Lauf lassen, das geht immer so lange gut, bis der Pirelli eine Spurrille gefunden hat, in die er nun einfädelt und der er bereitwillig weiter folgt. Nicht unbedingt immer zu Freude des Fahrers oder der Fahrerin, die nun schlagartig versuchen muss, der Eigendynamik des Motorrades entgegenzuwirken. Aber so denkt man auch mal über seine Reifen nach und nicht immer nur über die Schönheit der Landschaft und das Glück, auf einem Motorrad in derselben unterwegs zu sein.

Als drittes ist mir aufgefallen, dass sich bei bestimmten Fahrmanövern (aber fragt mich jetzt nicht, welche genau das sind), das Motorrad vorne zu leicht anfühlt. Als würde sich der Vorderreifen unter dem Motorrad lenken lassen, ohne dass das Motorrad dem Lenkimpuls folgt. Ist so nie passiert, also dass das Motorrad woanders hingefahren ist, als ich gelenkt habe. Aber das Gefühl, dass das alles ohne Rückmeldung von Straße und Motorrad und allem überhaupt ist, das hatte ich öfter.

Und dabei ist mir eines klar geworden: Über den Metzler könnte ich solche Details gar nicht schreiben, weil er mich nie dazu gebracht hat, über meine Reifen nachzudenken. Er hat nie etwas überraschendes gemacht, mich aus meiner Konzentration (oder aus meinen Träumen) gerissen oder mich zu langatmigen Blog-Einträgen über meine Bereifung gebracht.

Er war einfach immer toll!

Daher werde ich beim nächsten Reifenwechsel wieder zum Metzler zurück wechseln. Auf diesen ach so alten Reifen, der alles angeblich etwas schlechter kann als der Pirelli. Auf dieses Vorgängermodell, an dessen hervorragenden Eigenschaften sich ganz viele nicht mehr erinnern wollen oder können.

Ich schon! Ich erinnere mich wieder! Ich freue mich schon drauf!

Ich bin ein Lemming! UND ich habe eine eigene Meinung!

 

3 comments on “Lemming – Skorpion – oder die Frage nach dem Reifen

  1. Danke für den Bericht.
    Er hat m ich etwas vom Lemming Dasein weggeholt und zum Nachdenken gebracht.
    Das Pendel hat sich etwas vom Pirelli wegbewegt.
    Gruß Reiner

    1. Hallo,
      ich bin jetzt seit 2000km hinten bzw. 1500km vorn auch ein Lemming.
      Entweder fehlt mir das Gefühl oder es gibt keine so großen Unterschiede zum Tourance Next.
      Ich finde beide Reifen sehr änlich, sind in meinen Augen beide sehr gute Reifen.
      Der Hauptgrund zum Umstieg war der Test mit der Nässe. Und leider, oder toi toi toi konnte ich das noch nicht testen 😉 .
      Ach ja, fahre eine 2000er Varadero.
      Grüße Michl

      1. Hallo Michl,
        was fährst Du für eine Vara? Eine 1000er?
        Ich glaube, die Probleme haben alle mit den „kleinen“ Versionen, also 800er GS, 650er V-Strom… Die 1200er GS-Fahrer, die 1000er Strom-Fahrer sind alle sehr zufrieden, bis auf extremen Sägezahn irgendwann…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.